Neuerwerbung

Im vergangenen Jahr konnte das Franziskanermuseum ein Gemälde von Waldemar Flaig (1892-1932)  erwerben. Es handelt sich um das Porträt von Dr.  Gustav Naumer, das 1931 datiert ist. Naumer (1894-1958), geboren in Neustadt an der Weinstraße, war Hals-Nasen-Ohren-Arzt in Villingen. Das klingt möglicherweise nicht besonders aufregend.  Auch das Porträt selbst, das konventionell und stellenweise nicht ganz fertig gemalt ist, zeigt nichts Spektakuläres: einen Herrn, in Sakko, weißem Hemd und Krawatte, der ernst, geradezu forschend durch seine Nickelbrille den Betrachter anblickt. Aus den Lebensdaten wissen wir, dass Flaig und Naumer ungefähr gleich alt waren und dass das Werk am Ende des Lebens des Künstlers entstanden ist. Das Gemälde kam aus der Hand des Sohnes des Dargestellten an das Museum. Er hat das Wissen über den Entstehungsanlass des Porträts weitergegeben.

Waldemar Flaig: Porträt Dr. Naumer, 1931, Franziskanermuseum, Foto: Museum

Eine besondere Beziehung

Was verband die beiden – Künstler und Porträtierten – miteinander? Wenn man genauer hinsieht, sind es die durch die Brille sehenden Augen, die den Mann charakterisieren. Während der Rest des Bildes eher milchig-trüb scheint, wirken die Augen hinter den spiegelnden Gläsern klar und leicht vergrößert. Vielleicht will uns der Künstler auf den Beruf des Porträtierten hinweisen, einen Beruf, der genaues Hinsehen und auch Hinhören erfordert. Denn Flaig und sein Model verband eine Arzt-Patienten-Beziehung. Der Künstler Waldemar Flaig litt zeitlebens an Mandelentzündungen. 1922 soll Flaig nach einer schweren Angina das unten gezeigte Selbstporträt gemalt haben.

Waldermar Flaig: Selbstbildnis, 1922, Foto: Museum

Es zeigt Flaig mit weißem Halstuch und Zigarette. Die tief liegenden und verschatteten Augen des Dargestellten erinnern noch an die eben überstandene Krankheit. Das Halstuch weist auf die Schwachstelle in der Gesundheit des Künstlers hin, – die ostentativ in der Hand präsentierte Zigarette eher auf die Unvernünftigkeit oder den Widerstandswillen des Künstlers. Erkältungen wurden durch die Arbeit in kalten Kirchen für Flaig immer wieder zum Problem. 1931 erhielt Flaig den Auftrag zur Ausstattung der katholischen Kapelle des Krankenhauses (heute: Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe). Während dieser Arbeit erkrankte der Künstler erneut und dieses Mal so schwer, dass er sich einer Mandeloperation unterziehen musste. Sein Operateur im Villinger Krankenhaus war: Dr. Naumer. Welche Ironie, dass die Institution, die ihn krank gemacht hatte, für seine Heilung sorgen sollte! Nach dem Eingriff erholte sich Flaig so zögerlich, dass Freunde und Förderer ihm einen Aufenthalt im südfranzösischen Sanary nahelegten und schenkten. Die Zeit in Sonne und Wärme nutzte Flaig nicht nur zur Erholung, sondern auch künstlerisch. Zurück in Meersburg, wo Flaig mit seiner Familie lebte, erkrankte er jedoch wieder und fuhr, um sich behandeln zu lassen, nach Villingen. Wenige Tage darauf starb er dort unerwartet am 4. April 1932. Er wurde nur knapp 40 Jahre alt. Sein Grab befindet sich auf dem Villinger Friedhof.

Die Rechnung für die Mandeloperation wurde übrigens nicht in Mark bezahlt, sondern mit dem Porträt des Arztes. Diese Art der „Künstler-Währung“ war durchaus üblich. Viele Künstler, die keine regelmäßigen Einkünfte hatten, finanzierten so ihre ärztlichen Behandlungen. Manche private Kunstsammlung baute auf einem solchen Grundstock auf. So ist zum Beispiel ein Arzt auf Ischia zu seiner großen Sammlung von Impressionisten gekommen.

Tausche Kunstwerk gegen …

Es kann sein, dass Flaig und Naumer noch mehr miteinander verband als die medizinische Betreuungssituation.  Ihre Kinder waren in ähnlichem Alter, Flaigs Tochter Erika ist 1927 geboren, Naumers Sohn Hajo 1928. Beide Männer hatten am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Vielleicht trafen sie sich in der Buchhandlung Liebermann in der Rietstraße 1, wo sich Künstler und Kunstliebhaber täglich ein Stelldichein gaben und wo übrigens heftig geraucht wurde: Ein guter Kunde berichtete, dass er die Bücher von Liebermann noch Jahre später an ihrem Geruch im eigenen Bücherregal identifizieren konnte.

Verkaufstresen in der Buchhandlung Liebermann. Man beachte den großen Aschenbecher rechts außen. Foto: Privatbesitz

Der Buchhändler Josef Liebermann (1892- 1958) gehörte ebenfalls der Generation von Flaig und Naumer an – wie übrigens auch der Künstler Richard Ackermann (1892-1968). Liebermann war mit Flaig seit Kindertagen befreundet. Sie nannten sich gegenseitig liebevoll neckend „Seppl“ und „Waldi“. Während des Ersten Weltkriegs, in dem Liebermann aufgrund einer Behinderung nicht zum Kriegsdienst eingezogen wurde, schrieben sich Flaig und Liebermann regelmäßig. Die Briefe Waldemar Flaigs haben sich in privater Hand erhalten. Hier erfährt man einiges über den Kriegsalltag: Schmerzliches, Alltägliches, Erfreuliches. Über diese Feldpost hielten sich die Freunde weiter über ihre Projekte auf dem Laufenden, Flaig über seine künstlerische Arbeit, Liebermann über seine Lektüre. Es kommen jedoch auch dringliche Bitten, so im Winter 1917/18. Flaig hat nichts zu essen und fragt den treuen Freund nach „B.M.“ (Brotmarken), die dieser ihm zukommen lässt. Flaig revanchiert sich umgehend: „Für Deine B.M. sage ich Dir herzlichen Dank und die Sendung freut mich königlich, obwohl ich gar nicht weiss, wie ich es wieder gut machen soll“. Er schickt Liebermann zum Dank einen Holzschnitt „Die Eisbahn“. Im Brief liefert er auch eine Interpretation des Holzschnitts: „Er wird Dir vielleicht nicht ganz so gut erscheinen. Nur, ich habe absichtlich in den Figuren das Schwebende und die grotesken Bewegungen zum Ausdruck bringen wollen, sowie das kalte und öde Aussehen des Winters.“

Waldemar Flaig: Die Eisbahn, Holzschnitt, 1919

Im Nachlass Liebermann befindet sich ein Ölgemälde mit dem gleichen Motiv, nur leicht variiert und natürlich spiegelverkehrt. Im Vergleich mit dem Holzschnitt wird die Grundidee deutlich: Die Bäume am Rand der Eisfläche strecken ihre kahlen Äste ähnlich bizarr in den Raum wie die fleißigen Sportler ihre Arme beim Schlittern. Während die Figuren im Vordergrund durchaus Volumen haben und mit Charleston-ähnlichen  Tanzschritten entweder alleine vor sich hin, zu zweit auseinander strebend oder zu dritt eine Reihe bildend Schlittschuh laufen, werden die weiter entfernten Figuren immer dünner und zu Chiffren, gleich den knorrigen Zweigen der Bäume.

Waldemar Flaig: Die Eisbahn, ohne Datum, Privatbesitz, Foto: Museum

Das Kunstwerk als Zahlungsmittel, ein bargeldloser Austausch von Leistungen, ist keine neue Idee von Kapitalismuskritikern. Sie war eine aus der Not geborene Praxis im Leben von Künstlern. Die Ausstellung „Lust und Leidenschaft, Schmerz und Enttäuschung. Expressionistische Künstler in Villingen“, die das Franziskanermuseum ab 29. Juni 2019 zeigt, behandelt neben den Biographien und Werken diese alltäglichen Lebensumstände der überregional wenig bekannten Maler der Villinger Moderne: Ludwig Engler (1875-1922), Waldemar Flaig, Richard Ackermann (1892-1968) und Paul Hirt (1898-1951). Die Ausstellung zeigt Arbeiten aus dem Bestand des Franziskanermuseums, der Sammlung Heinzmann und aus weiteren privaten Sammlungen.