Unscheinbar, ja fast schüchtern steht es da, das kleine Gebäude zwischen Marktplatz und Bildackerstraße in Schwenningen. Den meisten Bürgern dürfte es vor allem als Standort eines Parkscheinautomaten bekannt sein – doch hinter der Fassade dieses denkmalgeschützten Kleinods verbirgt sich eine spannende Geschichte. Am Tag des offenen Denkmals 2025 war der Kiosk erstmals seit Jahrzehnten wieder öffentlich zugänglich.

Das Häuschen präsentiert sich in schlichten Formen: Ein halbrunder Bauteil ragt aus einem rechteckigen Körper und wird von zwei Eingängen flankiert. Die formale Eleganz erhält durch die rustizierte Fassade mit groben Bossen eine handwerklich-solide Anmutung, wie sie typisch für Architekturströmungen der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts ist (Reformarchitektur, Heimatschutzstil). Funktional ist das Gebäude eine Seltenheit, denn es erfüllte zwei Zwecke: Es war zugleich Kiosk und öffentliche Toilette. Obwohl in einem gemeinsamen Gebäude untergebracht, blieben die Funktionseinheiten strikt getrennt. Das Halbrund mit umlaufender Fensterfront, in dem sich der Verkaufsraum befand, ließ sich nur von außen betreten und war durch eine Trennwand vom dahinterliegenden Hauptraum abgegrenzt. Neben zwei Frauen- und zwei Männertoiletten gab es dort zehn Urinale. Ein Ofen sorgte für Heizung, an den Türen befanden sich Münzautomaten. Der Bautyp war im 20. Jahrhundert populär, frühe Beispiele haben sich jedoch nur selten erhalten – und das meist in Großstädten.



Errichtet wurde der einstöckige, 7,4 Meter lange und 4 Meter tiefe Bau 1934 „für die Stadtgemeinde“ nach Plänen von Stadtbaumeister Karl Borzer. Gegen die Forderung nach Kosteneinsparungen konnte sich Borzer mit seinen ambitionierten Ideen durchsetzen und so ein Gebäude schaffen, das über die praktische Funktion hinaus auch repräsentativen Anspruch erhob. Immerhin war Schwenningen mit seinen knapp 21.000 Einwohnern auf dem Weg zur „größten Uhrenstadt der Welt“, und dieses Selbstbewusstsein durfte sichtbar werden. Anlass zur Errichtung war die Sanierung des nebenstehenden Burenhauses, eines nach dem Stadtbrand 1850 errichteten Ökonomiegebäudes, das in den 1930er-Jahren als Sitz der örtlichen NSDAP diente. Bei der Umnutzung erhielt es einen Mittelrisalit mit großem Treppenhaus und einen Rednerbalkon. Während der langen Umbauzeit waren jedoch die darin befindlichen öffentlichen Toiletten für die Besucher des Wochenmarktes nicht zugänglich. Eine Alternative musste her.[1] Öffentliche Gesundheitsfürsorge war damals in allen Städten ein drängendes Thema, zugleich aber darf man wohl davon ausgehen, dass die NSDAP die bauliche Konzentration und repräsentative Ausführung von Burenhaus und Kiosk nutzte, um ihre eigene Macht in Abgrenzung zum gegenüberliegenden Rathaus zu demonstrieren.
Die Idee, Bedürfnisanstalt und Kiosk zu kombinieren, hatte sowohl soziale als auch praktische Gründe. Einerseits sollte die eher „anrüchige“ Funktion des Bauwerks an einem so zentralen Platz durch den Verkaufsraum gemildert werden. Andererseits lag der Stadt daran, dem Kioskmieter die Pflicht zur Wartung und Reinigung der Toiletten aufzuerlegen und so Kosten zu sparen. Doch nicht alle Bürger waren damit einverstanden. Nach der öffentlichen Ausschreibung im NS-Lokalblatt „Hakenkreuzbanner“ beschwerte sich der Buchhändler Karl King, der sein Geschäft unweit in der Bildackerstraße 15 betrieb, über die neue Konkurrenz. Es ist wohl auch auf sein Drängen zurückzuführen, dass sich die Stadt unter den vielen Bewerbern schließlich für Wilhelm Saalwirth entschied, den Inhaber der Schwenninger Wach- und Schließgesellschaft.[2]

Im November 1934 wurde der Mietvertrag unterschrieben. Statt eines Verkaufsbetriebes richtete Saalwirth im Rundbau einen Wachraum und ein Büro für seine Firma ein. In den folgenden Jahren zeigte sich die Stadt jedoch wiederholt unzufrieden mit der Pflege des ihm überlassenen Gebäudes: Die Toiletten seien unzureichend gereinigt, im Winter seien Handwaschbecken eingefroren und Hähne abgerissen worden, zudem sei der Strom- und Gasverbrauch außergewöhnlich hoch. Eine drohende Kündigung konnte Saalwirth nur durch energische Intervention abwenden. 1940 sollte ihm erneut gekündigt werden, da die Stadt keine Verbesserung sah. Doch Saalwirth war inzwischen zur Wehrmacht eingezogen, und seine Frau übernahm Wartung und Pflege. Er selbst kehrte nicht aus dem Krieg zurück.[3]

1946 war die sanitäre Situation in Schwenningen verheerend. Es fehlte an Personal und Ressourcen, um die öffentlichen Bedürfnisanstalten zu betreuen. Mit Nachdruck suchte die Stadt nach einem neuen Mieter und fand ihn in Gestalt des Uhrmachers Karl Ihmig. Entrüstet meldete sich erneut Karl King zu Wort, der schon zwölf Jahre zuvor Einspruch erhoben hatte: „Ist es nicht genug, dass ich sieben Jahre den Boykott der Nazis auszuhalten hatte und keine Lieferungen für Rathaus und Schulen mehr bekommen konnte? Muss ich es mir heute gefallen lassen, dass die Stadt mir einen Verkaufsstand vor die Nase hinsetzt und ich auf diese Art wieder geschädigt bin?“ Die Antwort der Stadt fiel kühl aus: „Gegen die Vermietung des Verkaufsraumes steht Ihnen kein Beschwerderecht zu. Die Stadt hat übrigens in den mit Ihmig abgeschlossenen Mietvertrag keine Bestimmung über die Waren, die zum Verkauf gestellt werden dürfen, aufgenommen.“ Kings Sorgen erwiesen sich jedoch zunächst als unbegründet, denn Ihmig verkaufte lediglich Zeitschriften der KPD, die im traditionell „roten“ Schwenningen weiterhin eine gewisse Popularität genossen.[4]

1953 übernahm Pauline Poré den Betrieb, musste jedoch zwei Jahre später kündigen; ihr folgte Friede Hierholzer, die den Kiosk bis in die 1960er-Jahre weiterführte. Ein nettes Detail aus den Wirtschaftswunderjahren hat sich bis heute erhalten: Eine kleine Reklame am Fenster wirbt für Zigaretten der Marke „Güldenring“. Zeitzeugen erinnern sich, wie sie am Kiosk Zeitschriften und Getränke kauften, oder wie sie als Schüler der nahegelegenen Gartenschule heimlich in den Aborten Zigaretten rauchten.[5] Der Kiosk wurde für die Schwenninger zu einem Stück Lebensgefühl. Nachdem der Verkaufsstand bereits Ende der 60er-Jahre geschlossen wurde, blieben die Toiletten noch ein gutes Jahrzehnt zugänglich. Später gelangte das Gebäude in Privatbesitz, wurde liebevoll saniert und zeigt sich heute wieder in ansehnlichem Zustand.
Der Schwenninger Kiosk ist also nicht nur eine architektonische Besonderheit, sondern auch stadtgeschichtlich bedeutsam: Er erlaubt Einblicke in ein Stück Alltagsgeschichte der Kriegs- und Nachkriegszeit, in der selbst die Toiletten vom Aufbruch in eine neue Epoche kündeten.
Fußnoten:
[1] SAVS 3.16:430
[2] SAVS 3.01-3:7935
[3] ebd.
[4] SAVS 3.16:430
[5] ebd.
Sehr schade, dass die Stadtverwaltung den optischen Eindruck des bemerkenswerten Gebäudes mit Parkschild und Parkautomat regelrecht verhunzte. Sowenig Empathie für ein altes Gebäude ist schon „außergewöhnlich“