Wenn man sich mit der Villinger Bürgerinnentracht intensiver beschäftigt, geht es nicht nur um Goldhauben, Stoffe, Muster, Rocklängen, Schürzen, Schulter- und Halstücher, sondern auch um den passenden Granatschmuck. Schaut man sich daraufhin historische Porträts genauer an, stellt man fest, dass mehrreihige, eng am Hals anliegende Ketten von Granatsteinen über einen längeren Zeitraum getragen wurden, mindestens vom letzten Viertel des 18. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. In der derzeitigen Sonderausstellung „Ausgepackt! Schätze aus der Sammlung“ kann man das ganz gut sehen.

Mathias Locher, Porträt Maria Josepha Stöhr (1742-1817), verwitwete Dold, geborene Cammerer, um 1782, Franziskanermuseum (derzeit nicht ausgestellt), Inv.Nr. 13677, Foto: visual artwork
Unbekannter Künstler, Porträt Ehefrau von Eugen Thalweiser, Villingen, um 1830/40, Franziskanermuseum (derzeit in Sonderausstellung „Ausgepackt!“ zu sehen), Inv.Nr. 16330, Foto: visual artwork

Wenig bekannt ist, dass die Granatbohrerei seit Mitte des 15. Jahrhunderts ein wichtiger Wirtschaftszweig in Freiburg i. Br. gewesen ist. So arbeiteten im 17. Jahrhundert 1.000 Personen in diesem Handwerk 1. Über die Arbeitsbedingungen können wir heute nur spekulieren. Granatsteine wurden in kleinen Werkstätten gebohrt, geschliffen und poliert, damit sie anschließend zu Schmuck weiterverarbeitet werden konnten. Der dabei entstehende Feinstaub konnte durch Nassschliff reduziert, aber nicht vollständig verhindert werden. Schwere Atemwegserkrankungen konnten die Folge sein. Die Besitzer solcher Granatschleifereien wurden in der Blüte der Mode des Granatschmucks sehr wohlhabend. Einer davon ist Philipp Jakob Egg oder Eck (1699-1754), der Bürgermeister in Freiburg war. Zwei Töchter sind überliefert, Clara Franziska (1723-1770) und Anna Katharina (1734-1767). Die ältere heiratete 1747 Zacharias Xaver Kegel (1715-1778), der in Villingen Stadtschreiber, später Bürgermeister wurde. Das Paar starb ohne Nachkommen. Die jüngere Schwester widmete ihr Leben der Armenpflege und verstarb sehr jung, unverheiratet und daher ebenfalls ohne Nachkommen. Beide Töchter stifteten ihr Vermögen wohltätigen Zwecken. Anna Katharina gilt als Gründerin der Universitätsklinik Freiburg. Straßen und Einrichtungen sind heute noch nach ihr benannt (Katharinenstraße, Katharinenstift). An Clara Franziska, die in ihrem gemeinsam mit dem Ehemann aufgesetzten Testament das Villinger Münster bedachte und einen Lehrgelderfonds gründete, der bis 1948 noch Geld ausschüttete, wird in Villingen, aber auch in Freiburg nicht mehr erinnert2.

Ehemaliges Armenspital, Gerberau 34, Foto: Museum

Wie kam es dazu? Beginnen wir mit der jüngeren Schwester Anna Katharina. Sie kümmerte sich leidenschaftlich um die Armen und Kranken. Jeden Tag ging sie in das Armenspital, damals in der Gerberau gelegen. Ihr Freund, der Freiburger Künstler Johann Christian Wentzinger (1710-1797), wollte sie heiraten. Sie lehnte jedoch nach den Worten von Heinrich Sautier (1746-1810), dem besten Freund Wentzingers, mit der Begründung ab: „Sie habe an den Kranken im Spital schon der lieben Kinder genug“3.

Wentzingerhaus, Freiburg, Münsterplatz, heute Kulturamt, Foto: Museum

Wentzinger war 24 Jahre älter als sie, erfolgreich und sehr vermögend. Offenbar teilten sie ähnliche Ideale. Denn als Katharina 1767 das Armenspital als Universal-Erben einsetzte, überzeugte sie Wentzinger, dasselbe mit seinem Vermögen zu tun. Katharina war damals schon schwer erkrankt, angeblich an einer Lungenkrankheit. Möglicherweise hatte sie sich in der Werkstatt ihres Vaters eine Staublunge zugezogen. Sie starb mit nur 32 Jahren. Die große Armut in Freiburg in dieser Zeit hatte ihre Ursache im Niedergang der Granatbohrerei. Sie ließ die „Bettelplage“ auf den Straßen und Gassen angeblich „unerträglich“ werden.4 Vielleicht sollten Katharinas Gaben außer ihrem Seelenheil auch der Wiedergutmachung von Schäden dienen, die der Erwerb des Reichtums ihrer Familie verursacht hatte, z.B. wenn Granatschleifer berufsbedingt krank geworden waren oder durch den konjunkturbedingten Arbeitsplatzverlust in Armut fielen. 1773, also sechs Jahre nach Katharinas Tod, setzte Wentzinger in seinem Testament das Armenspital ebenfalls als Alleinerbe ein5. Insgesamt stifteten beide Wohltäter über 100.000 Gulden und legten damit die Grundlage für die Entstehung der Universitätsklinik Freiburg. Denn schon Katharina bestimmte in ihrem Testament, dass die Professoren der medizinischen Fakultät die Armen im Spital kostenlos behandeln sollten.

Tiberius Wocher, Anna Katharina Egg, um 1755, Heiliggeistspitalstiftung Freiburg i. Br., Inv.Nr. H 1002, Foto: Stiftung

Das obige Porträt Katharinas von Tiberius Wocher soll eine wirklichkeitsnahe Darstellung sein, da ihr Gesichtsausdruck durchaus lebendig wirkt. Sie ist in der Mode der Zeit mit hellem Caracojäckchen, rotem Rock und weißseidenem Umhang gekleidet, allerdings in einer eher privaten Atmosphäre dargestellt. Auf ihrer linken Seite auf einem Tischchen oder Podest liegen Schminkutensilien, eine Puderquaste und ein kleines Messer, eventuell, um damit die schwarze Feder zu spitzen, die Katharina in der anderen Hand hält. Sie erweist sich mit diesen Attributen als gebildete, dem gehobenen Bürgertum angehörende Dame.

Von ihrer Schwester Clara Franziska ist in Villingen leider kein solches Porträt bekannt, aber wir dürfen sie uns ähnlich reich gekleidet und gebildet vorstellen. Sie war 11 Jahre älter als Anna Katharina und überlebte sie noch um drei Jahre. Wahrscheinlich hatte sie eine erhebliche Mitgift in die Ehe mit Zacharias Xaver Kegel eingebracht, der ebenfalls nicht unvermögend war. Er wurde 1715 als Sohn von Meinrad Kegel und seiner Frau Maria Anna geb. Mayer aus Freiburg geboren.6 Ein Haus, das der Familie Kegel gehörte, hat sich in Villingen in der Niederen Straße erhalten. Es zeigt am Erker die Wappen der Familie Kegel und der Familie Advocat (Wappen der weiblichen Linie). Erbaut wurde es um 1600 und im 17. Jahrhundert vom Obervogt Franz Kegel und seiner Frau bewohnt. Das so genannte „steinerne Haus“ in bevorzugter Lage – an einer der Hauptstraßen der Stadt, nahe zum Marktplatz -, weist darauf hin, dass die Familie zu den „angesehenen Geschlechtern der Stadt“ gehörte.7 Der Vater von Zacharias Kegel hatte wie er selbst weltliches und kirchliches Recht in Freiburg studiert.8 An diesem Beispiel wird deutlich, dass im Patriziat nur untereinander geheiratet wurde und dass sich die wohlhabenden Familien aus Freiburg und Villingen kannten.

Sog. Steinernes Haus, Niedere Straße Nr. 2, Foto: Museum

Auch Clara Franziska wurde nicht sehr alt. Sie starb mit 47 Jahren und kinderlos. In einem gemeinsamen Testament bestimmte das kinderlose Paar kurz vor ihrem Tod 1770 – und vielleicht dem Vorbild ihrer Schwester Anna Katharina folgend – dass das gesamte Vermögen der Kirche und wohltätigen Zwecken zugute kommen sollte. Allerdings handelte es sich nicht um 40.000 Gulden wie bei Anna Katharina, sondern um 4.600, was dennoch ein Vermögen war. Ein Ornat, das dem Münster gespendet wurde, wird noch 1847 in einer Auflistung als das reichste im Münsterschatz beschrieben.9 Warum geriet diese Familie, die sowohl in Freiburg als auch in Villingen von großer Bedeutung war, schließlich in Vergessenheit? Dies hängt vielleicht mit einem Skandal zusammen, der nach dem Tod des Bürgermeister Kegel 1778 ans Licht kam. Villingen war im 18. Jahrhundert vorderösterreichisch. Die vorderösterreichische Regierung führte 1757 eine neue Magistratsverfassung in Villingen ein, welche die Anzahl der Räte verringerte, die Zunftmitglieder weitgehend ausschloss und zudem den Bürgermeister auf Lebenszeit bestimmte. Das stieß vor allem bei den Zünften auf Widerstand. Kegel selbst profitierte davon, leugnete aber, an diesem Prozess beteiligt gewesen zu sein. Nach seinem Tod stieß man im Nachlass auf ein Dokument, welches das Gegenteil bewies und die „Wut der Zunftbürger“ hochkochen ließ.10 Schwer verständlich für uns heute, dass die verhandelten Fragen so tiefe Wunden hinterlassen konnten. Aber vielleicht lag dies daran, dass der Konflikt – im geistigen Klima der späten Aufklärung und kurz vor der Französischen Revolution – auch ein Macht- und Bildungsgefälle beinhaltete: studierte Patrizier (bürgerliche Oberschicht) gegen nicht-studierte Handwerker(-Bürger). Außerdem gab es Informationsdefizite: Die Ratssitzungen waren nicht öffentlich. Zeitungen gab es keine. Nicht alle waren zudem des Lesens kundig. Es gab nur Schmähschriften der unterschiedlichen Parteien, die sehr polemisch formulierten, oder Gemälde wie „Die Schnabuliner“ von Peregrin Beck, die ebenfalls nicht jeder „lesen“ konnte. Am Schluss ging der streitbarste Widersacher und „Mordiner“, der Wilde-Mann-Wirt Ignaz Maier, als Sieger aus dem Konflikt hervor. Er wurde als „Unstudierter“ Bürgermeister von 1809 bis 1816.11 Die Absicht der vorderösterreichischen Regierung, Kosten einzusparen, wurde ebenfalls konterkariert. Die Schuldenlast der Stadt nahm erheblich zu.12

Kegel drückte vielleicht schon zu Lebzeiten das schlechte Gewissen. Die frommen Stiftungen sollten sein Seelenheil garantieren. Der Lehrgelderfonds, der für die Ärmsten gedacht war, nämlich Waisen, denen eine handwerkliche Ausbildung mit dem Geld finanziert wurde, sollte möglicherweise den Konflikt mit dem Handwerkerstand nachträglich heilen.

  1. Freiburg baroque. Johann Christian Wentzinger und seine Zeit (1809-1797), Ausstellungskatalog Freiburg 2010, Anm. 17. ↩︎
  2. Im Zusammenhang mit dem Tod und Erbe von Anna Katharina wird immer betont, es hätte keine weiteren Familienangehörigen gegeben, obwohl Clara Franziska zu diesem Zeitpunkt noch drei Jahre leben sollte. ↩︎
  3. Wie Anm. 1, S. 23, Zitat aus dem Nachruf Heinrich Sautiers auf Wentzinger. ↩︎
  4. Wie Anm. 1, S. 27. ↩︎
  5. Wie Anm. 1, S. 24. ↩︎
  6. Schulze, Ute, Bürgermeister Zacharias Xaver Kegel und der Lehrgelderfonds, in: Villingen im Wandel der Zeit, Villingen-Schwenningen 2013, 36, S. 90. ↩︎
  7. Wie Anm. 6, S. 90. ↩︎
  8. Wie Anm. 6, S. 90. ↩︎
  9. Altertümerrepertorium, SAVS Bestand 2.2, Nr. 8373, S. 12. Erhalten hat sich die Chormantelschließe, gefertigt von den Villinger Goldschmieden Gebrüder Otto (in der Sonderausstellung „Ausgepackt!“ zu sehen). ↩︎
  10. Bumiller, Casimir: Villingen im Zeitalter von Barock und Aufklärung, in: Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen, Villingen-Schwenningen 2021, 1, S. 542 ff. ↩︎
  11. Wie Anm. 10, S. 548. ↩︎
  12. Wie Anm. 10, S. 549. ↩︎