Gastbeitrag von Dr. Ralf Beer, Untere Denkmalschutzbehörde
Eine im Franziskanermuseum ausgestellte Zeichnung aus dem Jahr 1925 zeigt drei Reihenhäuser mit auffallend farbigen Fassaden und Formen, die zugleich rational-modern und traditionalistisch wirken. Es handelt sich um Entwürfe für die Schwenninger Siedlung Hammerstatt, die für einen städtebaulichen Umbruch im ehemals „größten Dorf Württembergs“ steht. Am 14. September 2025 wurde die heute als Sachgesamtheit unter Denkmalschutz stehende Siedlung anlässlich des Tags des offenen Denkmals vorgestellt. In diesem Jahr kann die Hammerstatt auf ihr hundertjähriges Bestehen zurückblicken.

Schwenningen war, wie auch Villingen, lange von Wirtschafts- und Sozialstrukturen geprägt, deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichten. Erst mit dem Anschluss an die Eisenbahn setzte eine dynamische Industrialisierung ein, die zahlreiche Fabrikgründungen nach sich zog und 1907 schließlich in die Erhebung zur Stadt mündete. Das rasche Bevölkerungswachstum machte neuen Wohnraum erforderlich. Zugleich galt es, beengten und sozial problematischen Wohnverhältnissen entgegenzuwirken, wie sie das Leben vieler Arbeiter prägten. In der Gartenstadtbewegung und im Heimatstil entstanden Versuche, Alternativen zur verdichteten Industriestadt zu entwickeln und ein lebenswertes Wohnen für breite Schichten zu ermöglichen.
Vor diesem Hintergrund plante Stadtbaurat Ernst Möbs (1883–1961), der auch für die Schwenninger Siedlungen Salinenfeld und Sauerwasen zuständig war, die Siedlung Hammerstatt als kommunales Bauprojekt. Er orientierte sich im Sinne des „Werkbundgedankens“ an der vom Stuttgarter Architekturprofessor Paul Schmitthenner entwickelten Siedlungskonzeption der „guten Gesamtform“.[1] Architektur, Handwerk und industrielle Fertigung sollten dabei sachlich-rational aufeinander abgestimmt werden. Als mögliches Vorbild kommt die genossenschaftliche Siedlung Freidorf bei Basel in Betracht, die 1919 bis 1921 nach Plänen des späteren Bauhausdirektors Hannes Meyer errichtet wurde. Wie Freidorf entstand auch die Hammerstatt am damaligen Stadtrand und erhielt mit einem Dorfplatz, Einkaufsläden und Gemeinschaftsbauten ein eigenes Zentrum.[2]

1924 und 1925 wurden die ersten Häuser in zwei unterschiedlichen Typen um das Straßenkreuz Braunagelstraße und Teckstraße errichtet. In der Braunagelstraße entstand auch der Hauptbau der Siedlung mit Gemeinschaftsräumen. Bis 1926 setzte man die Bauarbeiten im Bereich der Lichtensteinstraße und in Teilen der Hammerstattstraße fort.. Die Gebäude, allesamt zweigeschossige Putzbauten, variieren in fünf Typen mit unterschiedlichen Wohnungsaufteilungen. Die einzelnen Typenhäuser umfassen verschieden geschnittene Drei- und Zweizimmerwohnungen. Zwerchhäuser und Walmdächer mit unterschiedlich gestalteten Gauben lockern die eher schlichten Hausformen auf. In die Gestaltung wurden auch Freiräume, Plätze, Straßen und Wege sowie Verbindungen durch Torbögen einbezogen. Zu den Mietwohnungen gehörten zudem Gärten zur Eigenversorgung.
Der Bauschmuck ist von expressionistischem Dekor geprägt, das sich auch an Fenstersimsen und Türen zeigt. Die Fassaden waren in unterschiedlichen, kräftigen Farben gestaltet, die nicht überall erhalten geblieben sind. Die eingangs erwähnte Zeichnung im Franziskanermuseum lässt erahnen, welches soziale und gestalterische Ideal sich mit den farbigen Fassaden, den großen Fenstern und den hellen Wohnungen verband.

Trotz Wohnungs- und Wirtschaftsnot wurden in Schwenningen keine einfachen, billigen und anspruchslosen Nutzbauten errichtet. Stattdessen entstand eine qualitätvolle und gut durchdachte Siedlung, die angenehmes Wohnen in einem hochwertigen Umfeld ermöglichen sollte. So zeugt die Hammerstatt noch hundert Jahre später von dem Anspruch einer jungen Industriestadt, sozialen Wohnungsbau nicht nur als Notlösung, sondern als städtebauliche Aufgabe zu verstehen.
[1] Vgl. Cremer, Folkhard: Die Schwenninger Siedlungen, in: Cremer, Folkhard: Als Schwenningen Großstadt werden wollte, Villingen-Schwenningen 2014, S. 20 ff.
[2] Vgl. Conradt-Mach, Annemarie: „Arbeit und Brot“. Die Geschichte der Industriearbeiter in Villingen und Schwenningen von 1918 bis 1933, Villingen-Schwenningen 1990, S. 60 f.