Das 19. Jahrhundert war die goldene Zeit des Instrumentenbaus: Während die Städte anwuchsen, die Industrialisierung ihren Siegeszug antrat und sich zwischen Märzrevolution und Reichsgründung ein neues nationales wie lokales Selbstbewusstsein herausbildete, prägten Salonkonzerte, Musikvereine, Musikschulen und Stadtkapellen ein zunehmend musikalisches Gesellschaftsleben. Virtuosen wie Franz Liszt entfachten bei europaweit gefeierten Konzertreisen eine bis dahin ungekannte Begeisterung besonders für das Klavier, während musikalische Bildung im Bürgertum immer stärker zum „guten Ton“ gehörte. In diese Zeit fällt ein Pianoforte aus den Sammlungen des Franziskanermuseums, das ab 25. April in der Sonderausstellung „Ausgepackt! Schätze aus der Sammlung“ zu sehen sein wird.
Das Gehäuse des Instruments ist mit edlem Holzfurnier versehen, dessen lebhafte Maserung die dekorative Wirkung bestimmt. Die Saiten verlaufen senkrecht und sind in einem Holzrahmen gespannt. Motive wie Lyra und Pfeile bedienen eine bürgerliche Ästhetik, die noch von Empire- und Biedermeiereinflüssen geprägt ist. Über der Tastatur befindet sich ein Schildchen des Stifters C. H. Werner, jenes Fabrikanten und Gemeinderats, der mit seiner Uhrenfabrik die Grundlage des späteren Unternehmens Kienzle legte.

Das Instrument ist das Werk eines heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Villinger Instrumentenbauers: Franz Xaver Ummenhofer. Nach elf Jahren „in der Fremde“ kehrte er 1840 in seine Heimatstadt zurück und eröffnete dort gemeinsam mit Carl Wahle eine Werkstätte für Klavierbau.[1] In den folgenden zwanzig Jahren konnte er mehrere Achtungserfolge verbuchen: Auf Ausstellungen in Karlsruhe und Villingen wurde er wiederholt für seine „mustergültigen“ Instrumente ausgezeichnet – auch wenn gelegentlich deren „etwas harter Ton“ kritisiert wurde.[2] Anlässlich einer Auszeichnung bei der Industrieausstellung 1858 hieß es: „Ummenhofer […] hat bewiesen, daß auch auf dem Schwarzwalde die Fabrikation von Klavieren mit Erfolg betrieben werden kann.“[3] Offenbar sicherte ihm sein Beruf ein solides Auskommen. Auf eine gehobene gesellschaftliche Stellung deutet hin, dass er 1862 in den Bürgerausschuss gewählt wurde und 1880 ein Haus in der Gerberstraße erwerben konnte.[4] 1889 starb Ummenhofer im Alter von 72 Jahren und hinterließ seine Frau Valentina (geb. Riegger) sowie die gemeinsame Tochter Maria Theresia.[5] Ein Porträt überliefert das Bild eines Mannes mit entschlossenem Gesichtsausdruck und selbstbewusster Pose.

Franz Xaver war nicht der einzige Ummenhofer, der im Klavierbau tätig war. Etwa zur selben Zeit fertigte auch der 1814 geborene Johann Wilhelm Ummenhofer in Villingen Instrumente; seine genaue verwandtschaftliche Beziehung zu Franz Xaver ist jedoch nicht geklärt. Als Mitglied des Gemeinderats und des Sicherheitsausschusses nahm auch Johann Wilhelm eine gehobene Stellung in der Stadt ein, gab später jedoch seine Tätigkeit als Instrumentenmacher auf und arbeitete als Gießer, bis er 1872 im Alter von nur 58 Jahren starb.[6] Von seinem Werk haben sich nur wenige Spuren erhalten, darunter ein ebenfalls im Franziskanermuseum bewahrtes Klavier.

Die Lebenswege der beiden Ummenhofer stehen exemplarisch für die Situation vieler Instrumentenmacher: Während manche zu beträchtlichem Wohlstand gelangten, mussten andere um ihr Auskommen ringen. Franz Xavers Erfolgsgeheimnis lag vielleicht darin, dass seine Instrumente „im Verhältnis zum Preise schön und gut gearbeitet“[7] waren – also ein ausgewogenes Verhältnis von Preis und Qualität boten. Da er keinen Nachfolger für sein Geschäft fand, blieb die Geschichte der hiesigen Klavierbauer insgesamt ein vergleichsweise kurzes Kapitel. Damit stand Villingen keineswegs allein. Anlässlich der Landesindustrieausstellung in Karlsruhe im Jahr 1861 hieß es: „Die Klaviermacherei hat sich im Großherzogthum bis jetzt noch nicht, wie anderwärts, zur eigentlichen Großfabrikation aufgeschwungen. Sie hat daher sowohl, was die Vollkommenheit der Instrumente als auch was die Preise anbelangt, Mühe, mit dem Auslande zu concurriren, und findet zum großen Theil ihren Absatz nur in der Nähe, während fort und fort große Summen für Klaviere aus dem Lande gehen.“[8]
Dabei waren die Rahmenbedingungen in Baden durchaus günstig – nicht zuletzt wegen der langen handwerklichen Tradition, der guten Holzqualität und der mechanischen Kenntnisse der Schwarzwälder Tüftler. Doch begrenzte Margen und wachsender Kapitalbedarf setzten die kleinen Werkstätten unter Druck und schwächten ihre Position im Wettbewerb mit den neu entstehenden Fabriken. Um konkurrenzfähig zu bleiben, waren sie auf eine treue lokale Kundschaft angewiesen und bestritten ihren Haupterwerb häufig mit Reparaturen und dem Stimmen von Instrumenten. Erfolge auf nationalen und internationalen Messen konnten zwar das Ansehen steigern, führten jedoch nicht zwangsläufig zu höheren Verkaufszahlen. Welterfolge wie jene des Familienbetriebs Steinway, der sich von einer kleinen Werkstatt zu einem Großbetrieb mit Serienproduktion entwickelte, blieben die Ausnahme.
Doch zurück zu dem eingangs vorgestellten Pianoforte: Es ist nicht nur eines der wenigen erhaltenen Werke Ummenhofers, sondern birgt auch ein kleines Geheimnis. Auf dem Herstellerschildchen unter dem Klaviaturdeckel findet sich ein handschriftlicher Vermerk: „A. Kemp – Weltmeister am Piano 150 Stunden“. Wie ist das zu verstehen?

Gemeint ist offensichtlich Albert Kemp, ein Deutschamerikaner, der in den 1920er-Jahren für seine Rekorde im Dauerklavierspielen berühmt wurde. Als junger Mann war Kemp aus den USA nach Croydon (London) gekommen, wo er als Filmpianist im Standard Cinema arbeitete. Seine Kunstfertigkeit auf sieben Instrumenten brachte ihm den Spitznamen „Professor“ ein. Lange Spielzeiten – bis zu neun Stunden täglich – waren für ihn keine Ausnahme. So entschloss er sich eines Tages, den Weltrekord für das längste ununterbrochene Klavierspiel in Angriff zu nehmen.[9] Über Jahre hinweg lieferte er sich mit Konkurrenten wie dem Wiener Geza Ledofsky und dem Neuseeländer Albert Steele ein Kopf-an-Kopf-Rennen um immer neue Bestmarken. Ein schönes Filmdokument aus dem Jahr 1920 zeigt Kemp während eines Weltrekordversuchs, wie er am Klavier sitzend gefüttert, gewaschen und rasiert wird.
Die überlieferten Zahlen sind allerdings widersprüchlich. Während es in manchen Quellen heißt, Kemp habe 1920 in Croydon 110 Stunden am Stück gespielt,[10] ist andernorts zu lesen, der Wiener Ledofsky habe 1929 Kemps Rekord von 74 Stunden gebrochen.[11] Die Verwirrung dürfte auch darauf zurückzuführen sein, dass nicht alle vermeintlichen Rekorde anerkannt wurden. Da die offizielle Marke bis heute bei „nur“ 130 Stunden liegt, können die auf unserem Klavier vermerkten 150 Stunden eigentlich nicht zutreffen.[12] Auffällig ist jedoch, dass dieselbe Zahl in einem Zeitungsbericht von 1958 genannt wird, dem zufolge Kemp 1922 diesen Rekord aufgestellt haben soll.[13] Sollte diese umstrittene Angabe auf ihn selbst zurückgehen, spräche dies dafür, dass auch der Eintrag auf dem Klavier von seiner Hand stammt.
Unter welchen Umständen die Beschriftung entstand, lässt sich nicht mehr klären. Uhrenfabrikant Werner hatte Verbindungen nach England: Er hatte dort einige Jahre als Kaufmann gearbeitet, und seine Uhrenfabrik besaß eine Niederlassung in London.[14] Von Kemp wiederum ist bekannt, dass er 1925 in Karlsruhe seine Fähigkeiten vorführte. Kannten sich die beiden Männer? Hinterließ Kemp seine Signatur bei einem Besuch in Villingen?
Sicher ist: Das Pianoforte birgt gleich zwei Geschichten – die eines ambitionierten Instrumentenbauers, der Villingen für kurze Zeit in den Blickpunkt der musikalischen Welt rückte, und die eines exzentrischen Showmans, der am Klavier nach Ruhm und Rekorden strebte. Die Töne sind längst verklungen, das Instrument aber bleibt – als Zeugnis sehr unterschiedlicher Formen musikalischen Ehrgeizes.
[1] Vgl. SAVS 1.42.03.49.
[2] Dietz, Rudolph (Hg.): Die Gewerbe im Großherzogtum Baden Karlsruhe 1863, S. 475.
[3] Commissions-Bericht über die Schwarzwälder Industrieausstellung zu Villingen im Spätjahr 1858, Karlsruhe 1858, S. 17.
[4] Vgl. SAVS 1.42.03.49.
[5] Vgl. Deutsches Geschlechterbuch, Band 120, 1955, S. 148.
[6] Vgl. SAVS 1.42.03.49.
[7] Commissions-bericht über die Schwarzwälder industrieausstellung zu Villingen im spätjahr 1858, Karlsruhe 1858, S. 106.
[8] Vgl. Dietz 1868, S. 474.
[9] Vgl. ‘Professor’ played piano on Surrey Street for 5 days and nights, Inside Croydon, URL: https://insidecroydon.com/2024/08/11/professor-played-piano-on-surrey-street-for-5-days-and-nights/, abgerufen am 13.4.2026.
[10] Vgl. Das Echo, Wochenzeitung für Politik, Literatur, Export und Import, Band 43, 1924, S. 2747.
[11] Vgl. Wagner, Christoph: Weltrekord im Dauerklavierspiel, URL: http://christophwagnermusic.blogspot.com/2025/03/, abgerufen am 13.4.2026.
[12] Vgl. Guinness World Records, URL: https://guinnessworldrecords.de/world-records/longest-marathon-playing-keyboard-piano-by-an-individual, abgerufen am 13.4.2026.
[13] Vgl. The Brussels Post, 17. September 1958, S. 7.
[14] Vgl. Hermle, Lambert: Der Werdegang der „Werner’schen Uhrenfabrik”, in: Villingen im Wandel der Zeit Bd. 29, S. 24-27.