Dass Villingen schon vor 140 Jahren in gewisser Weise „globalisiert“ war, beweist eine Reihe exotischer Artefakte in den Beständen des Franziskanermuseums: chinesisches Porzellan, südamerikanische Geldscheine und afrikanische Schwerter finden sich in den vielfältigen Sammlungen. Zu diesen Kuriositäten, die bereits im 19. Jahrhundert erworben wurden, zählt auch eine kleine Metallfigur, die aus dem fernen Indien stammt.
Die etwa 9 cm hohe Plastik zeigt eine weibliche Gestalt in einer abstrakten, geradezu modern anmutenden Formensprache. Das Gesicht ist grob modelliert, die Augen sind punktförmig, die Lippen wulstig, die Stirn kantig akzentuiert. An den Ohren trägt die Figur Ringe mit Punktmuster, um den Hals eine Kette; unter den nackten Brüsten wird durch vertikale Linien und dreieckigen Querschnitt ein Gewand angedeutet. Die Arme, die wohl rechtwinklig vom Körper abgespreizt waren, fehlen. Ein mit Faden angehängter Zettel trägt die alte Inventarnummer 101/71. Dies bedeutet, dass es sich um das 101. Objekt handelt, das im Jahr 1971 erfasst wurde. Im Inventarbuch findet sich dazu folgender Eintrag: „Götze […] Aufräumung Aufsatzkommode“. Gemeint ist wahrscheinlich ein als Vitrine verwendetes Möbelstück aus der städtischen Altertümersammlung, die einst im Alten Rathaus untergebracht war. Die dortigen Bestände wurden geräumt, als die Sammlungen ins ehemalige Franziskanerkloster umzogen, wobei die Figur wohl den Mitarbeitern in die Hände fiel.

Tatsächlich begegnet uns im Repertorium der Altertümersammlung, das von 1878 bis 1889 geführt wurde, unter der Inventarnummer 898[1] ein „indisches Götzenbild“, das „von einem Missionar herübergebracht“ und vom Weinhändler und Gemeinderat Rudolf Kienzler (1828-1904) der Sammlung geschenkt wurde. Höchstwahrscheinlich handelt es sich dabei um die 1971 neu erfasste Figur; die alte Inventarnummer, die wohl auf einem Klebeetikett am Objekt angebracht war, ist nicht mehr vorhanden. Wie Kienzler an die Figur gelangte, lässt sich nicht rekonstruieren. Weitere ethnographische Objekte sind von ihm nicht überliefert; als einzige weitere Gegenstände gab er eine frühneuzeitliche Armbrust und einen Maria-Theresia-Taler in die Altertümersammlung. Bemerkenswert ist immerhin, dass Kienzler zu den Gründungsmitgliedern des Lokalzweigs der Deutschen Kolonialgesellschaft gehörte – ein grundsätzliches Interesse an der außereuropäischen Welt ist also belegt. Eine geschäftliche Verbindung nach Indien ist theoretisch denkbar, denn Weinhändler profitierten vom globalen Warenverkehr, der in der Kolonialzeit ausgebaut wurde.
Wer könnte jener „Missionar“ gewesen sein, der die Figur „herüberbrachte“ – und von wo? Um dieser Frage nachzugehen, müssen wir zunächst die Herkunft des Stücks genauer eingrenzen. Formal ist es typisch für den ländlich-tribalen Stil der historischen Region Dandakaranya, der traditionell unter dem Begriff „Stammeskunst“ von der „Hochkunst“, also den klassischen Kunsttraditionen Indiens, abgegrenzt wurde. Da sich das Verbreitungsgebiet weitgehend mit dem historischen Fürstentum Bastar deckt, werden solche Figuren auch als „Bastar-Bronzen“ bezeichnet.[2]

In dieser Region leben bis heute indigene Gemeinschaften, die keiner der großen Weltreligionen angehören, sondern eigene religiöse Traditionen pflegen. Wesentliche Elemente sind die Ahnenverehrung und der Glaube an lokale Gottheiten. Die kleinen Kultfiguren – die eigentlich keine Bronzen sind, sondern im Gelbgussverfahren (aus Messing) gefertigt werden – entstehen in den Werkstätten spezialisierter Metallgießer, der sogenannten Ghadva. Zunächst wird eine Form aus Ton modelliert, anschließend mit feinen Wachsfäden überzogen und erneut mit Ton ummantelt. Beim Erhitzen fließt das Wachs durch einen Gusskanal ab und hinterlässt einen Hohlraum, der mit flüssigem Messing ausgegossen wird (Wachsausschmelzverfahren, in Indien als Dhokra bezeichnet).[3]
Die Figuren werden auf lokalen Märkten angeboten oder von Privatpersonen in Auftrag gegeben und schließlich vor Tempeln oder in Hausschreinen aufgestellt. Typisch für die „Bastar-Bronzen“ ist bei unserem Stück nicht nur die abstrakte Gestaltung, sondern auch die Haltung mit abgespreizten Armen sowie die Präsentation auf einem kleinen, mitgegossenen Sockel. Welche Gottheit hier dargestellt ist, bleibt unklar; nur wenige Figuren besitzen eindeutig identifizierbare Attribute. Erschwerend kommt hinzu, dass die Arme – und damit mögliche in den Händen gehaltene Gegenstände – nicht mehr erhalten sind.


Erste britische Missionare waren in den 1850er-Jahren in die Grenzgebiete der Region Dandakaranya vorgedrungen, wo sie auf indigene Gemeinschaften stießen, die abgeschieden im Urwald und in den schwer zugänglichen Hügelregionen lebten.[4] Seit 1882 waren zudem Missionare der Schleswig-Holsteinischen evangelisch-lutherischen Missionsgesellschaft zu Breklum in der Region tätig. Ein erster Missionsversuch der Brüder Ernst Pohl und Hermann Bothmann endete im Desaster, doch konnte noch im selben Jahr südöstlich von Jeypur eine dauerhafte Mission begründet werden.[5] Ein genaues Erwerbsdatum unserer Figur lässt sich aus den verfügbaren Unterlagen nicht ermitteln, es dürfte jedoch in den Zeitraum zwischen 1878 und 1882 fallen. Koloniale Erschließung und Missionstätigkeit gingen Hand in Hand, nicht zuletzt, weil die vom britischen Kolonialreich geschaffene Infrastruktur günstige Voraussetzungen für Vorstöße in die bis dahin wenig erschlossenen Gebiete der tribalen Gemeinschaften bot. Missionare brachten von ihren Wirkungsorten vielfach Gegenstände mit, die als Zeugnisse fremder Glaubenswelten galten und in museale oder private Sammlungen gelangten.[6]
Die kleine Figur eröffnet somit einen seltenen Blick in einen ethnologisch wie kunstgeschichtlich wenig beachteten Kulturraum. Zugleich zeigt sie, wie Villinger Bürger durch den Erwerb außereuropäischer Kulturgüter Anteil an kolonialen Prozessen nahmen und wie das „Fremde“ schließlich zum „Eigenen“ umgedeutet wurde. Denn obwohl die Gründer der Altertümersammlung „das specifisch Villingische und Umgebung“ durch ihre Sammlung repräsentieren wollten, ist die indische Figur kein Einzelfall unter den exotischen Gegenständen im heutigen Franziskanermuseum: „wir“ waren eben immer schon ein Teil der Welt.
[1] Diesen Hinweis verdanke ich Dr. Anita Auer.
[2] Vgl. Mallebrein, Cornelia; Beltz, Johannes: Elefanten, schaukelnde Götter und Tänzer in Trance. Bronzekunst aus dem heutigen Indien, Katalog des Museum Rietberg, Zürich 2012, S. 5 ff.
[3] Vgl. ebd., S. 41 ff.
[4] Vgl. Bromley, E. B.: They Were Men Sent from God. A Centenary Record of Gospel Work in India amongst Telugus, London 1945, S. 140–145 und 155–156.
[5] Vgl. Berkemer, Georg: Der Missionar und die Könige. Quellenkritische Überlegungen zu Ernst Pohls „Aus den Anfängen unserer Breklumer Mission“, in: Südasien-Chronik – South Asia Chronicle 12/2022, S. 133-152.
[6] Zur Sammelpraxis von Missionaren vgl. Corbey, Raymond; Weener, Frans Karel: Collecting while converting. Missionaries and ethnographics, in: Journal of Art Historiography Nr. 12, Leicester 2015.