Villingen im Vormärz: Nach der Niederlage Napoleons und dem Beitritt zum Deutschen Bund erhält das Großherzogtum Baden eine der fortschrittlichsten Verfassungen seiner Zeit. Spannungen zwischen Liberalen und Konservativen bereiten jedoch den Nährboden für eine Revolution, die bald eruptieren wird. In der Zähringerstadt am Schwarzwaldrand leben etwa 4400 Einwohner, die Mehrzahl davon Kleinbürger. Eine wirtschaftlich schwierige Lage drängt immer mehr Menschen zur Auswanderung ins Sehnsuchtsland Amerika. 1846/47 kommt es – wie schon dreißig Jahre zuvor – nach witterungsbedingten Ernteausfällen und grassierender Kartoffelfäule zu einer großen Hungersnot.

In dieser spannungsreichen Zeit wird Karl Wittum zu einer prägenden Gestalt der Zähringerstadt. Der Rechtsanwalt lenkt von 1835 bis 1846 und erneut von 1859 bis 1868 die städtischen Geschicke und erwirbt sich dabei großes Ansehen. Ein silberner Ehrenpokal, der dem Altbürgermeister anlässlich seiner Pensionierung überreicht wurde, erzählt von Erfolg, Niederlage und trotzigem Stolz. Aus Privatbesitz gelangte er kürzlich ins Franziskanermuseum.

Der „prachtvolle Ehrenpokal“

Der Ehrenbecher wurde dem Altbürgermeister im Jahr 1868 anlässlich eines Abschiedsbanketts im Gasthaus „Löwen“ überreicht. Wittum nahm das Geschenk offenbar mit großem Stolz entgegen. Gleich zweimal wird der Becher in seinen kurzen biographischen Aufzeichnungen erwähnt: „Wie ich in dieser Periode das mir wiederholt anvertraute Amt verwaltete, darüber [gibt] die Inschrift auf dem mir von der Stadt ertheilten prachtvollen Ehrenpokal Zeugnis“.[1] Dass der Ton ein bisschen rechtfertigend klingt, verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass Wittums Wirken nicht unumstritten war und auch in der historischen Rückschau eher gemischt ausfällt – wovon noch zu sprechen sein wird.

Silberner Ehrenpokal für Karl Wittum, Franziskanermuseum, Inv.nr. 16130.

Der Pokal ist eine durchaus solide, wenn auch weder besonders kostbare noch künstlerisch herausragende Arbeit. Er imitiert Vollsilberarbeiten, wie sie etwa Bruckmann in Heilbronn fertigte, besteht aber nur aus versilbertem, im Inneren feuervergoldetem Blech. Der Korpus ruht auf einem gedrungenen, mehrfach profilierten Fuß und ist umlaufend mit Weinrebenornamenten verziert, die an der Kuppawandung vier Textfelder einrahmen. Dort findet sich die Inschrift: „In Anerkennung seines mehr als zwanzigjährigen für die Gemeinde segensvollen Wirkens – dem Herrn Bürgermeister Carl Wittum – gewidmet von den ihn hoch verehrenden Bürgern seiner Vaterstadt – Villingen 1868“. Auch der gewölbte Deckel ist mit Weinrebenblättern und Trauben verziert; den Knauf krönt die vollplastische Figur eines sitzenden Putto, der Flasche und Trinkschale hält. Marken finden sich keine, weshalb der Hersteller des Pokals unbekannt ist. Denkbar ist, dass der Korpus eine lokale Arbeit ist, die aufgesetzten Ornamente hingegen aus der Produktion einer überregionalen Werkstatt wie WMF oder Bruckmann stammen, in deren Katalogen solche Dekorelemente in großer Variation angeboten wurden.


Wittums Aufbruch in die Moderne

Wer war der auf diese Weise Geehrte? Karl Wittum kam am 2. November 1806 in Villingen als Sohn von Anton Wittum und dessen Ehefrau Josefa, geborene Stöhr, zur Welt.[2] Die Familie Wittum war über viele Jahrhunderte in Villingen ansässig; Vorfahren des späteren Bürgermeisters stellten im 18. Jh. mehrere Guardiane des Franziskanerklosters.[3] Nach dem Studium in Freiburg und Heidelberg arbeitete Karl drei Jahre beim Großherzoglichen Bezirksamt, bevor er sich als Rechtsanwalt in Villingen niederließ. 1835 wurde der nicht einmal Dreißigjährige erstmals zum Bürgermeister gewählt – als einer der jüngsten Amtsinhaber in Villingens Geschichte.

Karl Wittum (1806-1892), Stadtarchiv Villingen-Schwenningen.

Die Stadt befand sich an einem neuralgischen Punkt ihrer Entwicklung. In den 40er-Jahren trat an die Stelle der kleinen Handwerksbetriebe allmählich ein industrielles Gewerbe, das die technische Entwicklung vorantrieb – doch die Armutsquote in der Bevölkerung blieb hoch. Zeitgleich bemühte sich ein Komitee aus 11 Bürgern, dem auch Bürgermeister Wittum angehörte, um die Errichtung einer Eisenbahnstrecke durch das Kinzigtal zum Bodensee mit Anbindung Villingens. Finanzierungsprobleme und politische Krisen verhinderten aber zunächst die Umsetzung; erst Jahrzehnte später sollte der Traum von der Schwarzwaldbahn Wirklichkeit werden.[4]

Die Kehrseite dieser Modernisierung war, dass man nicht immer pfleglich mit dem Alterhergebrachten umging: Sowohl das Vortor des Oberen Tores als auch die Altstadtkirche, von der nur ihr romanischer Turm übrigblieb, wurden in Wittums erster Amtszeit abgerissen. Während progressive Kräfte diese Veränderungen begrüßten, beklagten viele Bürger den Wandel ihrer Heimatstadt; der gotische Kirchturm der Johanniterkirche konnte nur durch starken öffentlichen Protest gerettet werden. Unter Wittums Nachfolger Johann Baptist Stern folgte schließlich der Abriss des Niederen Tores, getragen von jener Fortschrittseuphorie, deren Impulse auch von seinem Amtsvorgänger ausgegangen waren. Die Steine wurden zum Bau des Strafgerichtsgebäudes verwendet, das Wittum zuvor durch engagierte Lobby-Arbeit bei der badischen Regierung nach Villingen geholt hatte.[5]

Villingen im Jahr 1839 während Wittums erster Amtszeit. Gemälde von Johann Nepomuk Ummenhofer, Franziskanermuseum, Inv.nr. 12843.

Wahlabsage und Revolution

1846 sollte der angesehene Rechtsanwalt wiedergewählt werden, er lehnte jedoch ab, da man ihm ein besseres Gehalt und einen Pensionsanspruch verweigert hatte.[6] Das war vielleicht sein historisches Glück, denn so entging er der politischen Verantwortung während der Wirren der Revolutionszeit. Die Hungersnot von 1846/47 und die folgende Inflation hatten das Bewusstsein der Unfreiheit in der Bevölkerung verschärft. Am 14. März 1848 hielt der Villinger Arzt Karl Hoffmann vor tausenden Menschen auf dem Balkon der Stadtapotheke eine revolutionäre Rede, in der er Pressefreiheit und politische Mitbestimmung forderte. Bürgermeister Stern wurde zum Amtsverzicht gezwungen. Im Mai trat in Frankfurt das erste gesamtdeutsche Parlament zusammen. Einer der Wahlmänner war Karl Wittum, dessen (national-)liberale Gesinnung gewisse Schnittmengen mit den Revolutionären aufwies, wenngleich er deren Radikalität sicher ablehnte. Man darf wohl davon ausgehen, dass er einen maßvollen Weg zu Rechtsstaatlichkeit und nationaler Einheit befürwortete und auf schrittweise Reformen innerhalb der konstitutionellen Monarchie setzte. Die Nationalversammlung beschloss Grundrechte wie Meinungsfreiheit und Gleichheit vor dem Gesetz, doch das Projekt scheiterte mit der Ablehnung der Kaiserkrone durch den preußischen König. Ein letzter Aufstand in Baden wurde 1849 von preußischen Truppen niedergeschlagen.

Alte Stadtapotheke in Villingen: Von diesem Balkon wurde die Revolution ausgerufen. Foto: Franziskanermuseum.

Letzte Amtszeit und politisches Erbe

In Villingen gewannen nun konservative und gemäßigt-liberale Kräfte an politischem Einfluss, was eine gute Grundlage für eine erneute Bürgermeisterkandidatur Wittums schuf.[7] Im November 1851 wurde er tatsächlich wiedergewählt, doch lehnte er offenbar aufgrund der ungeklärten Pensionsfrage erneut ab. Andere Quellen berichten, dass er von der badischen Regierung nicht zugelassen wurde, da er als politisch vorbelastet galt. Welche Streitigkeiten es auch immer gab, sie konnten acht Jahre später beigelegt werden, und so trat Karl Wittum 1859 seine dritte und letzte Amtszeit an. Als sein größtes Infrastrukturprojekt in diesen Jahren darf sicherlich die Brigachkorrektur mit der damit verbundenen Trockenlegung der Innenstadt gelten: 1863 wurden die bestehenden Kanäle vertieft, neue gedeckte Dohlen angelegt, die Straßen chaussiert, die Wasserrinnen gepflastert sowie Seitengräben und Trottoirs ausgebaut. Die Brigach, deren mäandrierende Seitenarme wiederholt zu Überschwemmungen auf der Ostseite der Stadt geführt hatten, wurde reguliert.[8]

Bei der Brigachkorrektur wurden zahlreiche archäologische Funde gemacht, die mit zur Gründung einer Altertümersammlung anregten, darunter diese Spitzen von mittelalterlichen Armbrustbolzen. Foto: Franziskanermuseum.

Wittum war stets ein Mann des Fortschritts geblieben, und so fällt das Ende seiner Amtszeit geradezu symbolisch mit zwei Ereignissen zusammen: 1868 wurde einerseits mit dem Bau der Strecke Villingen-Hausach begonnen, für die Wittum jahrelang gekämpft hatte, andererseits der Bickentorerker als letztes großes Bauwerk der Stadtbefestigung abgerissen. Inzwischen schien die Stimmung in der Bevölkerung aber zugunsten restaurativer Kräfte gekippt zu sein: Die übrigen Tortürme und die innere Stadtmauer blieben, wie hinlänglich bekannt, aufgrund öffentlichen Protests bis heute erhalten. Aus Altersgründen sowie wegen eines Kopf- und Ohrenleidens trat Wittum nicht erneut zur Wahl an.[9]

Der 1868 abgerissene Bickentor-Erker: Symbol einer untergegangenen Epoche. Sammlung Manfred Hildebrandt.

Wittums politisches Wirken erschöpfte sich nicht in seiner Tätigkeit als Bürgermeister: Er blieb Mitglied des Gemeinderates, war von 1871 bis 1874 Abgeordneter der nationalliberalen Partei im Landtag und engagierte sich darüber hinaus ehrenamtlich. So fungierte er etwa als landesherrlicher Kommissar für das weibliche Lehr- und Erziehungsinstitut, das unter seiner Ägide um ein Mädchen-Pensionat erweitert wurde. 1890 wurde er zum Ritter des Zähringer Löwenordens II. Klasse ernannt, zwei Jahre später starb er im Alter von 85 Jahren.[10]

Mit der Übergabe des Silberbechers endete nicht nur für den mehrfachen Bürgermeister, sondern für ganz Villingen eine Epoche: Nun begann die industrielle Moderne. Und so liegt der Wert des Stückes nicht in seinem Material, sondern darin, dass er von einem umtriebigen und bedeutenden Villinger erzählt, der die städtischen Geschicke in den kritischen Jahren während der Mitte des 19. Jahrhunderts lenkte und den Ort nachhaltig prägte – im Guten wie im Schlechten.

Ab April 2026 ist der Becher anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der Altertümersammlung in der Sonderausstellung „Schätze aus dem Depot“ zu sehen.


[1] SAVS 1.42.03.

[2] Diese und alle weiteren biographischen Angaben aus: SAVS 1.42.03.

[3] Vgl. Stengele, Benvenut: Das ehemalige Franziskaner-Minoriten-Kloster in Villingen, in: Zeitschrift des Erzbistums Freiburg, 30. Band, Freiburg 1902, S. 214 ff.

[4] Vgl. Bumiller, Casimir: Villingen im Großherzogtum Baden 1806 bis 1871, in: Bumiller, Casimir (Hg.): Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen, Band II: Der Weg in die Moderne, Villingen-Schwenningen 2017, S. 98 ff.

[5] Vgl. Bumiller, Casimir: Geschichtsbild und Identitätssuche der Stadt Villingen im 19. Jahrhundert, oder: Wie die Villinger (dann doch noch) gute Badener wurden, in: Villingen im Wandel der Zeit, Jg. 45, 2022.

[6] Vgl. Bräun, Wolfgang: Plötzlich waren die Pensionsansprüche dahin, Schwarzwälder Bote, 24.12.2018, https://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.villingen-schwenningen-ploetzlich-waren-die-pensionsansprueche-dahin.2da50a8d-c352-4642-ad4e-29c7f381f9e9.html, abgerufen am 22.5.2025.

[7] Vgl. Bumiller 2017, S. 87.

[8] Vgl. Bumiller 2017, S. 94 ff.

[9] Vgl. SAVS 1.42.03.

[10] Vgl. ebd.