Narro und Alt-Villingerin als sommerliche Light-Version – ohne Kragen, Masch und Säbel, dafür mit Fächer, um der Hitze Herr zu werden? Nicht wirklich – es handelt sich um eine Neuerwerbung in der Sammlung des Franziskanermuseums, die nicht unter dem derzeitigen Sommerwetter, sondern dem „Zahn der Zeit“ und damit dem Verlust einiger Accessoires gelitten hat. Das Figurenpaar ist aus gebranntem Ton mit rotem Scherben, von Hand und kalt, also nach dem Brand, bemalt. Beim Narro ist der Fuchsschwanz an einen Draht montiert und lose in den Kopf gesteckt. Er trägt eine Glattlarve, der Narrokragen – wahrscheinlich gesondert und aus Stoff gefertigt – fehlt, ebenso wie die sogenannte Masch. Die Ausstattung entspricht ansonsten der eines typischen Narros, mit rotem Foulard und zwei Riemen mit Rollen. In der linken Hand des Arms, in den sich die Alt-Villingerin einhängt, hielt der Narro wohl eine Wurst. Von ihr sind nur noch Reste vorhanden: ein längliches Objekt, braun bemalt, leicht gekrümmt.
Die Alt-Villingerin trägt eine goldene Radhaube, eine Vollscheme, am Halsausschnitt ist eine weiße Bluse erkennbar, darüber ein silbern schimmerndes Schultertuch. Das dunkelbraune Oberteil hat lange, eng anliegende Ärmel. Ein schwarzer, vorne zur Mitte spitz hochlaufender breiter Gürtel vermittelt zur lila-dunkelblau changierenden Schürze und dem schwarzen Rock, der noch weiße Strümpfe und schwarze Schnallenschuhe sehen lässt. Madame ist mit folgenden Accessoires ausgestattet: Fächer aus Straußenfedern in der rechten Hand, ein schwarzes, quadratisches Stofftäschchen mit symmetrischem Muster, eventuell aus Straßsteinen, in der anderen. Der Henkel der Tasche ist aus echter, schmaler Bordüre, die Handschuhe sind schlammfarben.

Karl Hirth (?), Narro und Alt-Villingerin, Anfang 20. Jahrhundert, Franziskanermuseum, Inv.Nr. 16599, Foto: privat.
Der entscheidende Hinweis zur kulturgeschichtlichen Einordnung des Figurenpaars kam von einem fastnachtsbegeisterten Villinger Sammler, der eine ähnliche Figur besitzt, und sie der Werkstatt von Johann Glatz (1846-1915) zuordnet. Er erinnerte mich auch an eine weitere Figur in unserer Dauerausstellung, den „Surhebel im Schlafrock“. Zudem machte mich Arthur Mehlstäubler, der kürzlich im Franziskanermuseum über Johann Glatz referierte, auf den Modelleur Karl Hirth (1869-1930) aufmerksam.
Ein Vergleich des Narros unseres Figurenpaars mit diesen weiteren Tonfiguren ist durchaus erkenntnisreich.

Karl Hirth (?), Surhebel im Morgenrock, Anfang 20. Jahrhundert, Franziskanermuseum, Inv.Nr. 12365, Foto: visual artwork.
Der Surhebel in der Dauerausstellung besitzt einen Kragen aus Stoff, der allerdings neu, also ergänzt aussieht, und einen ähnlich gearbeiteten Sockel wie das Figurenpaar. Laut Inventarbuch stammt die Figur aus dem Besitz von Johann Glatz, dessen Nachlass nach dem Tod seiner Tochter weit verstreut wurde. Der damalige Museumsleiter Josef Fuchs ließ sich jedoch die Namen der Erben geben, schrieb ihnen und meldete Interesse an. So kaufte er wohl auch diese Figur in den 1980er Jahren für die Sammlung. Es gibt wie beim Figurenpaar keine Angaben zum Hersteller, aber die Provenienz Nachlass Glatz lässt vermuten, dass die Figur in der Glatz’schen Manufaktur hergestellt wurde.
Die Figur aus Privatbesitz weist einen – möglicherweise ergänzten – Fuchsschwanz aus echtem Pelz auf, den Originalkragen mit „Masch“ (die aus einem Band besteht) und einen Säbel (ebenfalls ergänzt?). Auf dem Sockel, der ähnlich gearbeitet ist wie die beiden anderen, findet sich wieder kein Hinweis auf den Hersteller, weder Marke noch Signatur.

Alle drei Figuren verbinden stilistische Ähnlichkeiten: der handbearbeitete Sockel, der an Krippenfiguren erinnert, die Zeichnung der Häser, die einfache Modellierung der Figuren und die Kombination von Ton mit echtem Stoff beim Kragen.
Karl Hirth lernte bei Johann Glatz als Modelleur.1 Von ca. 1884 bis 1901, als er sich als Ofenbauer selbständig machte, arbeitete er in der Werkstatt von Glatz. Der Vater, der Schuster Fridolin Hirth, sammelte Krippen. Der Sohn fand wohl auch Gefallen am Hobby des Vaters. Er fertigte in seiner freien Zeit Krippenfiguren, die – obwohl wesentlich kleiner geformt – stilistische Ähnlichkeiten mit den Narro-Figuren zeigen, vor allem bei der Augenpartie, aber auch die „teigigen“ Gewandfalten und die Sockelgestaltung sind vergleichbar. Hirth betrieb das Herstellen der Krippenfiguren als Nebenerwerb, profitierte jedoch davon, dass er hauptberuflich ebenfalls mit Ton arbeitete. Angeblich brannte er in der Restwärme seines Ofens die Figuren und bemalte sie anschließend, letzteres allerdings nicht in seiner Werkstatt, sondern im Wohnzimmer bzw. in der Küche. Er stellte die Figuren – wie viele Villinger Handwerker, die vor allem als Winterbeschäftigung Krippenfiguren formten – nur für einen Kreis an Liebhabern vor Ort her und verkaufte sie in einem Nebenraum seiner Werkstatt. Ob er die Narrofiguren geschaffen hat, bleibt vorerst unbewiesen. Allerdings erwähnt Adamczyk2, der sich mit Karl Hirth intensiver befasst hat, ein Relief mit Narro und Alt-Villingerin in Privatbesitz. Dieses wurde 2002 durch einen Nachfahren Karl Hirths wiederentdeckt und veröffentlicht.3 Als Besonderheit vermerkt Heinig in ihrem Bericht, dass „die Alt-Villingerin statt einem ‚Krättle‘ einen mit Quasten verzierten Stoffbeutel trägt“. Das alles sind Argumente, alle drei Figuren Karl Hirth zuzuschreiben, der bei Glatz als Modelleur gearbeitet hat.
Zur genaueren Datierung des neu erworbenen Figurenpaars könnte die Vollscheme der Alt-Villingerin und das Täschchen beitragen. Auf dem Foto aus einem privaten Fotoalbum von 1926 sieht man Alt-Villingerinnen mit Vollschemen, die linke Alt-Villingerin trägt einen dunklen Stoffbeutel am Arm. Heute werden eher Halbschemen, die den Mund frei lassen, getragen. Auch das Dekor des Täschchens und der breite, in der Mitte hochgezogene Gürtel sprechen für eine solche zeitliche Einordnung.

Falls weitere Arbeiten von Karl Hirth durch diesen Artikel bekannt und zuschreibbar würden, wäre das ein schöner Effekt. Hirth signierte laut Adamczyk mit „HK“ – in Anlehnung an Hans Kraut, das große Vorbild aller späteren Villinger Hafner.
- Adamczyk, Raimund, Karl Hirth (1869-1930), ein Villinger Hafner und Krippenbauer, in: Villingen im Wandel der Zeit, Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahrgang XXVIII, Villingen-Schwenningen 2005, S. 13-18. ↩︎
- wie Anm. 1., S. 14. ↩︎
- Heinig, Birgit: Wertvolles Narro-Gips-Model gefunden, in: Schwarzwälder Bote, Villingen-Schwenningen, 17.1.2002, Stadtarchiv Villingen-Schwenningen (SAVS) 5.22 Nr. 1538. ↩︎