Der Magdalenenberg bei Villingen-Schwenningen ist nicht nur der größte Grabhügel der frühkeltischen Hallstattzeit, sondern barg auch eine der wenigen mit naturwissenschaftlicher Präzision zu datierenden Grabkammern dieser Epoche. Mittels der Dendrochronologie – auch als Jahrringmethode bekannt – konnten die mächtigen Eichenbalken, die heute im Original im Franziskanermuseum ausgestellt sind, auf das Jahr 616 v. Chr. datiert werden. Über 2600 Jahre: Eine unvorstellbar lange Zeit, die uns tief in die Ursprünge der abendländischen Geschichte führt. Wie wir uns die Kultur der Kelten von ihren Anfängen bis zur römischen Epoche vorzustellen haben, beleuchten die aktuellen Sonderausstellungen „Das Geheimnis der Keltenfürstin“ (bis 30. September) und „Kelten, Kalats, Tiguriner“ (bis 22. Juli). Was aber geschah sonst noch um 616, welche Reiche gab es, welche herausragenden Persönlichkeiten, welche Erfindungen wurden gemacht; kurz: in was für einer Welt lebte der Fürst vom Magdalenenberg?

Die Grabkammer des Fürsten vom Magdalenenberg, 616 v. Chr., Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen (Foto: visual artwork)

Griechenland

Als die letzten Tränen der Hinterbliebenen des Fürsten trockneten, erblickte die griechische Philosophie im engeren Sinne das Licht der Welt. Um 624 wurde Thales von Milet geboren, mit dem sich bis heute der Schritt „vom Mythos zum Logos“ verbindet: Erstmals wurde versucht, rationale, also dem logischen Verstand zugängliche Erklärungen für beobachtbare Phänomene zu finden. Oberstes Ziel der ersten Generation griechischer Philosophen, den so genannten Vorsokratikern, war die Erkenntnis der arché, der Ursubstanz, aus der alle Dinge hervorgehen. Für Thales war diese Ursubstanz das Wasser. Nicht mehr Götter und Mythen bildeten für ihn den Ausgangspunkt der Erkenntnis, sondern Beobachtung und logische Schlussfolgerung. Erst aus dieser Emanzipation des Geistes heraus konnten später die großen griechischen Philosophen wie Platon (um 400 v. Chr.) und Aristoteles (um 350 v. Chr.) hervorgehen.

Oinochoe (Weinkanne), um 630–620 v. Chr., Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (Quelle: Wikipedia)

Griechenland befand sich um 616 in der „Archaischen Zeit“, in der sich nicht nur auf philosophischem Gebiet die Grundlagen der späteren Hochkultur herausbildeten. Mit der schwarzfigurigen Vasenmalerei entstand ein erster Höhepunkt der griechischen Kunst, die Olympischen Spiele hatten sich bereits als feste Termine im griechischen Kalender etabliert  Während der „Großen Kolonisation“, die schon anderthalb Jahrhunderte andauerte, gerieten nach und nach weite Teile des Schwarzmeer- und Mittelmeerraumes unter griechische Kontrolle und Töchterstädte wie Massalia, das heutige Marseille, wurden gegründet. Massalia sollte rasch zu einem wichtigen Handelsknotenpunkt auch für die Kelten werden – viele der Importstücke aus dem Mittelmeerraum, die sich in Fürstengräbern finden, gelangten über diese Stadt in unsere Gegend.

Italien

Das Römische Reich gab es noch nicht, die „ewige Stadt“  war erst wenige Jahrhunderte zuvor unter etruskischem Einfluss aus dem Zusammenschluss mehrerer latinischer und sabinischer Dörfer entstanden. Die Etrusker waren es auch, die sich am stärksten am westlichen Mittelmeer hervortaten. Nachdem sie bereits im vorigen Jahrhundert die Seeherrschaft über das Tyrrhenische Meer erlangt hatten, expandierten sie nun auch zu Lande bis nach Kampanien und in die Poebene. Ihren Adel begruben die Etrusker in mächtigen Tumuli, die im Gegensatz zu den Erdhügeln der Kelten aus Tuffstein oder Ziegeln gemauert und mit Erde bedeckt waren. Zu den Exportschlagern dieser Zeit gehörte die tiefschwarze, glänzende Bucchero-Keramik, die ursprünglich wohl Metallgefäße imitieren sollte. Eine tolle Ausstellung zu den Etruskern zeigten jüngst die Kollegen des Badischen Landesmuseums – der empfehlenswerte Katalog hält zahlreiche Informationen bereit.

Ägypten

Die großen Pyramiden warfen ihren Schatten schon seit 2000 Jahren auf den ägyptischen Wüstensand, als die Magdalenenberger ihr Oberhaupt zu Grabe trugen. Die Glanzzeit der Pharaonen lag Jahrhunderte zurück, zwischenzeitlich hatten die Assyrer aus Mesopotamien (dem heutigen Irak) weite Teile des Nildeltas erobert. Nach einer Zeit der Kriegswirren und der politischen Destabilisierung konnte Psammetich I., der Begründer der 26. Dynastie, im Jahr 653 die Unabhängigkeit wiederherstellen und die „Ägyptische Restauration“ einleiten – zum letzten Mal entstand ein stabiles und starkes Pharaonenreich, das sich gegen Feinde von außen zur Wehr setzen konnte. In den folgenden Jahrhunderten verlor Ägypten seine Selbstständigkeit, wenngleich es seine Kultur bewahren konnte. Das berühmte Grab des Tutanchamun mit seinen reichen Schätzen, das Howard Carter 1922 wiederentdeckte, lag im Jahr 616 schon 700 Jahre unangetastet im Tal der Könige – und es sollte noch über fünf Jahrhunderte dauern, bis die schöne Kleopatra geboren wurde.

Darstellung Psammetichs I. im Grab des Pabasa, um 610 v. Chr. (Quelle: Wikipedia)

Alter Orient

In Babylonien zwischen dem heutigen Bagdad und dem Persischen Golf hatte gerade der Chaldäer Nabopolassar den Thron bestiegen und das Neubabylonische Reich gegründet. Er verbündete sich mit den Medern aus dem heutigen Iran und zog gegen das Assyrische Reich. Dieses hatte wenige Jahrzehnte zuvor unter dem Großkönig Assurbanipal (gest. um 627 v. Chr.) seine größte Ausdehnung erreicht und war wegen seiner Kriegslust und besonderen Grausamkeit gefürchtet. Nur vier Jahre nach dem Tod unseres Fürsten eroberten die Babylonier und Meder die assyrische Hauptstadt Ninive und zerstörten dieses erste Großreich der Geschichte. Es folgte, während über 3000 km entfernt die Fürstin von der Heuneburg starb und im Magdalenenberg die Nachfahren des Fürsten beigesetzt wurden,  die glänzende Herrschaft des legendären Nebukadnezar, der unter anderem das heute im Pergamonmuseum in Berlin ausgestellte Ischtar-Tor errichten ließ.

Das Ischtar-Tor im Pergamonmuseum in Berlin, um 605–562 v. Chr. (Quelle: Wikipedia)

Persien

Die Perser befanden sich 616 noch unter der Fremdherrschaft der Meder. Erst etwa ein halbes Jahrhundert später konnte König Kyros die Unabhängigkeit des Reiches erstreiten – zu dieser Zeit war die Zentralgrabkammer des Magdalenenbergs bereits geplündert worden. Einer Überlieferung des islamischen Gelehrten Biruni zufolge war jedoch der große Religionsgründer Zarathustra ein Zeitgenosse unseres Fürsten. Er führte eine der ersten monotheistischen Lehren ein, die auf dem Glauben an den Schöpfergott Ahura Mazda beruhte. Dieser Zoroastrismus hat noch heute über 150.000 Anhänger, vor allem in Indien und dem Iran. Zu ihnen gehörte unter anderem die Familie des Rocksängers Freddie Mercury!

China

So wie die frühen Kelten, hatten auch die Chinesen das Eisen als Rohstoff für Waffen und Werkzeuge entdeckt. Mit ihm konnte, insbesondere nach Erfindung des Pfluges, eine intensivere Landwirtschaft erfolgen. Dies hatte eine bessere Ernährungslage zur Folge, die zu Bevölkerungszuwachs und höherer Lebenserwartung führte. Die politische Lage war jedoch eher instabil: Zwar herrschte offiziell die Zhou-Dynastie seit über 400 Jahren über China, de facto jedoch hatten regionale Fürsten und Könige inzwischen weitgehende Autonomie erlangt. Unter ihnen taten sich vor allem die „Fünf Hegemonen“ hervor, die mächtiger als alle anderen waren. Wie sie zum Königshaus standen, belegt eine Anekdote, die sich 10 Jahre nach dem Tod des Magdalenenberg-Fürsten ereignet haben soll: Der König von Chu, Zhuang, soll demnach sein Heer bis zur Grenze des Zhou-Königs geführt und dessen Gesandten frech gefragt haben, wie schwer der Topf sei, in dem der König seine Speisen kochen lasse – eine kaum verdeckte Herausforderung. Kein Wunder, dass auf diese „Zeit der Frühlings- und Herbstannalen“ die „Zeit der streitenden Reiche“ folgte!

Der große Gelehrte Konfuzius war noch nicht geboren – er erblickte aber nur wenig später, um 551 v. Chr., das Licht der Welt.

Konfuzius, um 551 – 479 v. Chr. (Quelle: Wikipedia)

Amerika

Von den Kulturen jenseits des Atlantiks konnte der Fürst nichts wissen. Amerika war noch unentdeckt, die Fahrten des Kolumbus lagen in weiter Ferne. In Peru herrschten unter anderem die Chavín um ihr Zentrum Chavín de Huántar, die sich unter anderem durch kultische Menschenopfer hervortaten, sowie die Paracas-Kultur mit bedeutenden Zeugnissen der Webkunst. Die Zeit der berühmten Inka lag noch in weiter Ferne – noch 1800 Jahre sollten bis zum Entstehen ihres Reiches vergehen. In der Periodisierung der südamerikanischen Archäologie befinden wir uns hier im „Frühen Horizont“ (900 – 200 v. Chr.).

In Mittelamerika dehnten die Maya ihr Herrschaftsgebiet durch Handel, Kriege und rege Siedlungstätigkeit aus. Es finden sich in dieser Zeit die frühesten Siedlungsspuren im Gebiet um die heutige Touristenattraktion Tikal, außerdem entstand mit Nakbe die erste große Maya-Stadt mit beeindruckenden steinernen Tempelbauten.

Durch Nordamerika ritten noch keine Indianerhäuptlinge auf edlen Rössern, denn die Pferde kamen erst mit den Spaniern. Entlang der Ostküste, dort wo heute die großen Metropolen wie New York liegen, befand man sich in der „Frühen Woodland-Periode“. Prägend für diese Epoche ist die Adena-Kultur, die ebenfalls Grabhügel wie unseren Magdalenenberg errichtete, in Amerika „Mounds“ genannt. Die Adena-Indianer lebten nicht mehr nur als Jäger und Sammler, sondern waren bereits zu Ackerbau und Viehzucht übergegangen. Ihr Zentrum lag im heutigen Bundesstaat Ohio, von dort unterhielten sie ein weitläufiges Handelsnetz.

Miamisburg Mound, Grabhügel der Adena-Kultur, Ohio (Foto: Greg Hume)

Zurück zum Fürsten

Wie viel wusste nun unser Fürst vom Magdalenenberg von der Welt um ihm herum? Er war zumindest eingebunden in überregionale Handelsnetzwerke, wie zahlreiche Importfunde, unter anderem aus Italien, Spanien, Slowenien und dem Ostseeraum, bezeugen. Vermutlich stand er auch in Kontakt mit seinen Nachbarn von der Heuneburg, dem späteren Heidengraben (wo gerade das Gräberfeld Bettelbühl angelegt wurde) und anderen keltischen Stätten. Sein Horizont war sicher eines Herrschers seiner Zeit würdig – doch wäre er wohl erstaunt gewesen, hätte er die ganze Vielfalt der Völker und Reiche auf dem Globus gekannt. Immerhin: Dass man noch 2600 Jahre später von ihm spricht und ihn in einem Atemzug mit großen Zeitgenossen wie Zarathustra, Nebukadnezar oder Thales nennt, hätte ihm ganz bestimmt geschmeichelt.