Von Gastautor Michael Bohrer

Fasnet ist ein Brauch vor der Fastenzeit, an dem die Menschen noch einmal richtig feiern, essen und trinken konnten. In der heutigen Zeit wird das nicht mehr so eng gesehen, doch früher wurde streng kontrolliert – und wehe, man wurde beim Fastenbrechen erwischt. Also ließ man sich vor dem Aschermittwoch all das schmecken, was es in der Fastenzeit nicht mehr gab: Fleisch, Fettgebackenes, Alkohol. Tanz und Musik waren natürlich auch wichtig. Wo findet man all das besser als in einem Gasthaus? Gasthäuser waren immer schon die Keimzelle mancher Idee, und so ist es durchaus möglich, dass auch die heutigen Fasnetbräuche beim Feiern in einem Gasthaus entstanden sind.

Es gibt aber Lokale, die weit über das normale Maß hinaus eine Verbindung zur Fasnet hatten. In der Rietstraße, wo sich heute der Müllermarkt befindet, stand über viele Jahrhunderte ein stattliches Haus, in dem sich nicht nur das Gasthaus Lilie befand. Im Gebäude war auch die Bildhauerwerkstatt der Familie Schupp untergebracht.

Gasthaus Lilie, 1603 -1953

Anton Josef Schupp schuf unter anderem die 12 Apostel, welche die Hochwand des Mittelschiffes im Villinger Münster zierten. Zwei der Figuren, Paulus und Barnabas, sind heute im Franziskanermuseum (Stadtgeschichte bis 1800) ausgestellt. Sein Bruder Johann II., ebenfalls Wirt und Bildhauer, fertigte den Hochaltar in der Triberger Wallfahrtskirche.  Aus der Hand der Schupps ging manche glatte Scheme hervor. Johannes Schupp (1631-1713) und Anton Josef Schupp (1664-1729) waren zu ihrer Zeit die Meister dieses Handwerks. Kostbare Schemen aus ihrer Hand befinden sich heute ebenfalls im Museum.

Der letzte Wirt, Karl Storz, war zwar kein Schnitzer. Aber er war ein Wirt, der die Fasnet aktiv betrieb und selber ins Häs ging. Ein Foto von 1928 zeigt Karl Storz mit typischer Surhebelscheme von Robert Neukum. Diese waren etwas derber als die eher freundlichen und feinen Surhebeltypen heutzutage. Es gab damals noch etliche Schemen mit langen Nasen, teils aus Lindenholz geschnitzt, manche aber auch aus Pappmaché. Die Nasen waren oft deutlich mit einem Rotstich versehen. Sollte das vielleicht eine Anspielung auf den doch erhöhten Alkoholkonsum über die Fasnettage sein?

Karl Storz mit Surhebelscheme, 1928

Von der Hand zu weisen ist dies nicht. Auch der Villinger Künstler Ludwig Engler (1875 – 1922) hat ein Bild mit zwei Langnasenschemen gemalt, die beide über ein etwas auffallend rotes Riechorgan verfügen. Engler dürfte damit den Alkoholkonsum über die Fasnettage karikiert haben. Die rote Nase, die man auch vom Clown kennt, meint eigentlich ein Rhinophym, eine durch entzündliche Wucherungen vergrößerte und mit blauroten Äderchen durchzogene Nase. Diese Erkrankung brachte man früher vor allem mit Alkoholmissbrauch in Zusammenhang. Anita Auer behandelt das Thema in ihrem Aufsatz „Was hat der Bauer mit dem Narro zu tun?“ im Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins.

Und das ein oder andere Viertele wurde eben auch in der Lilie getrunken. Ob es dort ein Narrostüble gab? Bestimmt, war dies doch früher in jedem Villinger Lokal fast Ehrensache.  Die „Lilie“ mit ihrem Saal bot für weit über 100 Personen Platz, hiesige Vereine wie Sängerkreis, Männerchor und die Angehörigen des Reiterregiments 40 waren Stammgäste. Im Jahre 1953 schloss der Gasthof „Lilie“ seine Pforten und das Kaufhaus „Erwege“ zog hier ein (heute Müller-Markt).

Ein sehr auffallendes und auch geschichtsträchtiges Haus ist der Raben in der Obere Straße, der 1896 nach Haustausch an den Metzger Martin Storz aus Flözlingen abgegeben wurde. Er trieb im Obergeschoss die Wirtschaft weiter und verkaufte im Erdgeschoss seine Wurst- und Fleischwaren, bis er 45-jährig an einer Blutvergiftung starb. Die Liebe zu den Gastwirtschaften lag wohl in der Familie: Martin war der Vater von Karl Storz, dem langjährigen Lilienwirt, und Großvater vom „Storze Ernst“, legendärer Ott-Wirt, der im Jahre 2002 im hohen Alter verstarb. In den folgenden Jahren wechselte der Raben mehrfach den Besitzer: 1896 ging er an Metzgermeister Schuler, dann an August Rauß und im Jahre 1903 schließlich an Karl Ketterer, bevor der Konditor Wilhelm Schlaich das Haus 1910 abbrach. Der Raben wurde Café und nach den Plänen des Architekten Nägele neu aufgebaut. Die bis heute sichtbare Fassade stammt vom Kunstmaler Albert Säger. 1932 wurde das Haus an Stefan Hartmann verkauft.

Der Raben ist und war immer eine feste Größe in der Villinger Fasnet. Die „Alten Jungfere“, 1927 gegründet, feierten hier ihre ersten „Altjungfere Obende“ auf Initiative der Wirtin Schlaich, einer hochgeschätzten Trachtenträgerin. 1927 gestaltete die Familie Schlaich eine kleine Schemenausstellung, die auf einer Postkarte verewigt wurde (s. Abb.). Von Frau Schlaich hat die Narrozunft 1932 die Narrovaterscheme erworben, die bis dahin im Privatbesitz war. 1933 gründete sich hier die Glonki-Gilde.

1927 gestaltete die Familie Schlaich eine kleine Schemenausstellung, die auf dieser Postkarte verewigt wurde.

Die letzten Jahre war die Fasnet wieder stark in diesem Haus vertreten. Über mehrere Fasneten befand sich das Katzenstüble im 1. Obergeschoss, danach jedes Jahr das Narrostüble der Mannschaft aus dem ehemaligen Bickenstüble.

Ins Zunftlokal „Schlössle“ lud die Narrozunft Villingen am 28.2.1897 zur Generalversammlung ein, wo später ebenso viele Ratssitzungen stattfanden. Eine stadtbekannte Persönlichkeit, die im Schlössle aufgewachsen ist, ist der Ratsherr und langjährige Umzugssprecher Peter Kerber. Sein Vater war der Schlösslewirt.

Umzugssprecher Peter Kerber, Sohn des „Schlösslewirts“

Im Krawazi, südlich vom Paradies in der Gerberstraße, befand sich von 1884–1971 die Gaststätte „Zum Felsen“. Wirt war Josef Ummenhofer, genannt „Brägel“ wegen seiner beliebten Bratkartoffeln. Er war Wirt und Bildhauer, auch Schemenschnitzer und Mitgründer der Narrozunft Villingen im Jahre 1882. Dem Geschlecht der „Guller“ zugehörig, eine inzwischen ausgestorbene Linie der „Ummenhofer“, ahmten seine Vorfahren bei Passionsspielen gekonnt den Hahnenschrei nach. Ihr Familienwappen zeigte dementsprechend einen Hahn. Josef Ummenhofer fertigte das Kriegerdenkmal an, das heute im Kaiserring steht und an den deutsch-französischen Krieg 1870/71 erinnert. Im Bildstock wurde ein Bild von Josef Ummenhofer gefunden (s. Abb.). Auch im Franziskanermuseum befinden sich mehrere Werke von ihm, zum Beispiel Tonreliefs, die in der Abteilung „Schwarzwald und Tourismus“ ausgestellt sind.

Bild von Josef Ummenhofer aus dem Bildstock des Kriegerdenkmals

Seit 1858 steht an der Ecke Gerberstraße / Schaffneigasse das Gasthaus „Stiftskeller“. Im Jahre 1912 wurde der Name geändert, „Reichsapfel“ hieß das Lokal aber wohl nur kurz. In dieser Zeit führte der Wirt Ludwig Schupp das Haus. 1912 übernahm Emilie Schupp und als Pächter Albert Rosenfelder. Von 1927 – 1930 führten Emil Riesterer und ab 1939 die Geschwister Riesterer das Gasthaus, das nun wieder „Stiftskeller“ hieß. Jedem Tanzfreudigen war das Gasthaus mit dessen beliebten Tanzveranstaltungen ein Begriff.

Im Jahre 1924 wurde der Stiftskeller Zeuge eines einzigartigen Aktes. Unter Federführung der Historischen Narrozunft Villingen wurde in diesem Hause die „Schwäbisch–Alemannische Narrenvereinigung“ gegründet. Erster Präsident war der Villinger Benjamin Grüninger und bis in die 50er Jahre führte Albert Fischer die Vereinigung über die Klippen der damals schwierigen Zeit.

Die Villinger Gaststätten waren somit für die Villinger Fasnet immer schon die Keimzelle, der Ursprung: Wichtig für Begegnungen, Sitzungen, Bälle und Kappenabende. Das eine konnte ohne das andere nicht existieren, und so wird es sicher auch in Zukunft bleiben. Narri-Narro!


Über den Autor: Michael Bohrer ist von Kindheit an im Häs und seit 1997 Mitglied im Zunftrat der Historischen Narrozunft Villingen. 2014 übernahm er zusätzlich die Funktion des Zunftarchivars. Als solcher war er Mitglied des Projektteams zur Sonderausstellung Familiengeheimnisse. De Narro un si ganz Bagasch, die noch bis 29. März im Franziskanermuseum zu sehen ist.