Im Garten liegt sie, an der Gartenstraße, und ein Garten soll sie sein“, so eröffnete Schultheiß David Würth am 22. April 1909 die neue Volksschule von Schwenningen.1 Heute wirkt die Beschreibung fast widersprüchlich – denn üppiges Grün ist wenig festzustellen. Tatsächlich aber befand sich hier, an Stelle des Schulbaus, zuvor der Garten vom Burenhaus, woher der bis heute vertraute Name ‚Gartenschule’ rührt. In Richtung Norden (Sturmbühlstraße) wurde die Fläche gesäumt von Handwerkerhäusern, östlich schloss das Burenhaus an den Marktplatz an. Die Schule ist ein Erinnerungsort mehrerer Generationen und ein Baudenkmal. Was ihren Bau besonders macht und auf welche Weise sie mit der Geschichte Schwenningens verbunden ist, darum geht es auszugsweise in folgendem Artikel. Er baut auf eine Führung zum Tag des Offenen Denkmals auf.

Bedenkliche Schulbilanz

Der Bau der Gartenschule fällt in eine Phase tiefgreifender Veränderungen: 1907 war Schwenningen vom Dorf zur Stadt erhoben worden. Die Einwohnerzahl hatte sich in kürzester Zeit auf über 13.000 Menschen vervielfacht.2 Fabriken und eine boomende Industrie zogen von überall Arbeiter an, die ihre Familien mitbrachten oder neue gründeten. Somit war auch die Zahl der Nachkömmlinge sprunghaft angewachsen, die auf einmal schulisch versorgt werden wollten.

Vor Eröffnung der Gartenschule befand sich die einzige Volksschule für Knaben und Mädchen südlich der evangelischen Stadtkirche (Kronenstraße). 1873 wird ein zweites Schulhaus an der Metzgergasse errichtet – später eine Mädchenschule (heute Volkshochschule). 1895/6 folgte in der Jakob-Kienzle-Straße (damals Karlstraße) die Karlschule. Sie wird nach Eröffnung der Gartenschule zur katholischen Schule Schwenningens. Trotz zwei neuer Schulbauten in kürzester Zeit: Die Klassenzimmer platzten noch immer aus allen Nähten. Drei Kinder teilten sich oft zwei Sitze. Die Klassen waren bis zu 100 Schüler groß, und erst nach 1900 beschloss das Ministerium, die Klassengrößen auf 60 Kinder zu begrenzen. Diese Begrenzung war nicht leicht umzusetzen. Im gängigen Abteilungsunterricht wurden sogar mehrere altersverschiedene Klassen zeitgleich von einem Lehrer betreut. Neben dem Raumproblem gab es also auch ein Personalproblem. Kurzum: Die Schullage galt als katastrophal.

Notgedrungen beschloss der Gemeinderat ein neues Schulhaus, um wenigstens die Platzfrage zu lösen. Was es erfüllen müsse, darüber machte sich unter anderem Lehrer Trinkle intensiv Gedanken. 1906 hielt er vor dem Bürgerverein Schwenningen den Vortrag ‚Über den modernen Bau eines Schulhauses’.3 Darin berichtete er von Mängeln und äußerte Verbesserungswünsche, die an der Gartenschule größtenteils erfüllt worden zu sein scheinen. Ein starkes und hochaktuelles Vorbild gab es ja auch mit der 1904-1906 erbauten Heusteigschule in Stuttgart. Ihr Architekt Professor Theodor Fischer galt als Garant für fortschrittlich reformpädagogische Architektur. Und er persönlich wurde sogar mit einer Nachprüfung der Baupläne der Gartenschule beauftragt.4 Vieles, was Lehrer Trinkle in seiner Rede verlauten ließ, folgte zeitgenössischen Debatten rund um Luft, Licht und einer kindgerechten Architektur.

Wenn schon, denn schon – ein moderner Bau für die Schule

Schulhäuser als eigenständiger Bautyp waren bis 1900 eine Ausnahme. Im Wesentlichen ließen sie sich in zwei Bautypen unterscheiden: Dem Wohnhaustyp – die Decken niedrig, die Räume klein, das Licht schlecht. Sein Charakter war familiär. Der andere dem Kasernentyp – strikt gegliedert, lange Gänge, sehr große Räume. Hier verkörperte die Architektur Drill und Disziplin. Dass Schulbauten am Zweck der Schule ausgerichtet geplant und gebaut wurden, war ein Novum.

Der Gartenschulbau vertritt einen solchen neuen Bautyp. Es ist ein dreigeschossiger, klar strukturierter Massivbau und weit entfernt von Kaserne wie Wohnhaus. Vor allem der E-förmige Grundriss, das Walmdach sowie die einzelnen verspielten Dekor-Elemente mit Kalkstuckreliefs bestimmen sein Aussehen. Die Gestaltung bewegt sich zwischen Schlichtheit und zurückhaltenden Jugendstilformen, ergänzt durch einzelne barockisierende Anteile. Baumeister Julius Feucht erklärte: Es ginge ihm darum, „vor allem praktische Räume zu schaffen […], einen harmonischen Ausdruck zu finden, ohne Entfaltung von Luxus“.5 Mit der Balance zwischen Sparsamkeit und repräsentativer Gestalt für die junge aufstrebenden Stadt dürfte diese Einstellung dem Gemeinderat recht gekommen sein. Trotzdem gingen die Ausgaben mit über 290 000 Mark über das geplante Budget hinaus.6

Die Gartenschule in Richtung Gartenstraße (1920er Jahre). Quelle: SAVS Best. 5.22 Nr. 1139 (9511).
Die Gartenschule um 1922 mit Pausenhof und Verbindungsgang. Gut zu sehen sind die Türmchen für die Schulglocken und Wandreliefs (siehe Beschreibung unten). Quelle: Liebes altes Schwenningen. Bilderbuch einer Stadt im Wandel. 2. überarbeitete Aufl. Villingen-Schwenningen 1995, S. 103.

Runde auf dem Pausenhof

Wer an die Gartenschule kommt, sucht meistens als Erstes den Eingang. Die breite Frontseite ist der Gartenstraße zugewandt (s. Abb. 1). Eine Tür ist dort aber nicht, vielmehr wird man durch eine Umrandungsmauer sogar auf Distanz gehalten und erst im 1987 seitlich angebauten Foyer über der Turnhalle fündig. Die Schuladresse Bildackerstraße 4 leitet dagegen um die andere Ecke herum zur schmalen Gebäudeseite im Süden. Dort markieren tatsächlich eine Jugendstiltür und ein barockisierendes Kalkstuckrelief einen historischen Eingang: Willkommen an der Gartenschule!

Auf der gegenüberliegenden Seite des Gebäudes spiegelte sich früher ein zweiter Eingang. Er ist mit dem Anbau der Turnhalle verschwunden. Wer einen Blick an der Wand entlang nach oben wirft, wo Anbau und Hauptbau verschmelzen, sieht noch den Rest eines Stucks – er ist heute ohne Sinn, früher gehörte er zur Verzierung eines zweiten Haupteingangs.

Der Hauptbau der Gartenschule wurde als symmetrisches Doppelschulhaus geplant. An den Grundrissen von Julius Feucht ist abzulesen, warum: Feucht sah die räumliche, gleichwertige Trennung von Knaben und Mädchen vor. Das erklärte auch die zwei Zugänge im Norden und Süden. Der nördliche Eingang war für Knaben, der südliche für Mädchen bestimmt. Ohne Trennwand schuf man eine ideale Trennung und blieb trotzdem flexibel. Warum aber tauchte dann bald die Bezeichnung ‚Knabenvolksschule’ auf? Waren die Pläne falsch? Offenbar entsprach die Schulrealität nicht der Idealvorstellung: Vorwiegend Knaben gingen an die Schulen. Schülerlisten der ersten Weltkriegszeit ordneten sämtliche evangelische Knabenklassen der Gartenschule zu (rund 1.000 Schüler), während nur drei Mädchenklassen der Mädchenschule an diesen Ort auswichen. Ab den 1920er Jahren tauchten erste geschlechtlich gemischte Klassen auf.7 Konfessionell blieb die Gartenschule im Übrigen bis auf eine kurzzeitige Ausnahme bis 1967 evangelisch, bevor sie sich wie alle in Baden-Württemberg in eine christliche Gemeinschaftsschule verwandelte.

Grundrissplan von Julius Feucht, 1909. Quelle: SAVS Best. 3.12 Sign. 444 Gartenstraße-Gartenschule.

Vom Innenhof aus ist die Rückseite des Hauptgebäudes, ein überdachter Verbindungsgang und das frühere Toilettengebäude zu sehen, das heute in das zur Mensa umgebaute Feuerwehrgerätehaus führt. Im sogenannten Spritzenhäusle am Feuerwehrturm war die sogenannte ‚Hilfsschule für schwachgeistige Kinder’ untergebracht. Auch diese Einrichtung war ein Anliegen schon zur Gründungszeit der Gartenschule. Der Bau dockte an das Nebengebäude an, das über den hölzernen Laubengang mit dem Hauptbau verbunden war. Bis in die 1980er Jahre dient es als Toilettengebäude für die Schülerinnen und Schüler.8

Beim Blick vom Pausenhof auf die Fassade des Hauptbaus fallen an den langen Flügeln unter der Dachkante zwei Wandreliefs auf: Sie zeigen wohlgenährte Putti – engelhafte und unschuldige Kleinkinder, die mit üppigen Pflanzengirlanden und Früchten spielen und tanzen. Zu entdecken sind exotische Früchte, Ananas, Kakaobohnen. Sie deuten an, was die Kinder hier lernen sollen – es geht nicht nur um die heimische Welt, die sie bereits kennen, sondern um das Kennenlernen der verlockend großen Welt. Volksschüler, die aus allen Schichten kommen, sollen über Wissen gleichermaßen Zugang zu dieser großen Welt bekommen.

Die Eingänge direkt vom Pausenhofinnern ins Gebäude sind sichtbar später eingebaut worden. Doch wer aufmerksam schaut, mag sich über eine funktionslose ‚Geheimtür’ links wundern. Offensichtlich ist sie ihrer Funktion beraubt und wird nicht mehr genutzt. Der Briefschlitz ist noch vorhanden. Es war der Eingang zur Hausmeisterwohnung – oder wie es früher bezeichnet wurde: zur Schuldienerwohnung. Der Schuldiener wohnte im Untergeschoss (siehe Grundriss der Schule von 1909). Ein ‚unständiger’ Lehrer, der nicht dauerhaft an dieser Schule blieb, konnte mit vier Zimmern und seiner Familie unterkommen und bezog das Dachgeschoss. Wohnraum zu finden war für Lehrer ein schwieriges Thema, als die Stadt eh schon stetig wuchs und ihre Gehälter in aller Regel nicht für den Lebensunterhalt ausreichten. David Würth wirkte als Schultheiß immerhin auf eine Sonderzulage hin.9 Als alle Lehrer später dann außerhalb des Schulhauses unterkamen, zog die Hausmeisterwohnung nach oben. Jetzt dient der umgebaute Dachraum für Sonderräume.

Ring, ring – hinein ins Schulhaus und ins Schulleben

Historische Flügeltüre auf dem Erdgeschoss. Foto: Verfasserin, 2025.

Historischer Eingang: Wenn wir nochmals von der ‚Geheimtür’ im Innenhof den Pausenhof verlassen, an der Südseite des Schulhauses zurückgehen und nach alter Manier die Türen am südlichen Seiteneingang aufstoßen, einst als Eingang für die Mädchen vorgesehen, führt uns innen eine Steintreppe nach oben. Links und rechts wird sie gerahmt von dunkelgrünen Kachelfliesen bis zur zweiten hölzernen Flügeltüre. Ein kurzer Blick an die Decke offenbart ein Gemälde mit 12 Sternzeichen, das vermutlich einige Jahre später angebracht wurde. Und schon sind wir im Gang des Erdgeschosses.

Trinkbrunnen: Ungefähr auf Mitte des Ganges ist ein Trinkbrunnen zu entdecken. Wie auf jedem Geschoss deutet er darauf hin, dass man in der Schule die Grundbedürfnisse der Zöglinge unabhängig von ihrer Herkunft (arm/reich) ernst nahm. Sie gewährten kostenlosen Zugang zu Wasser. Fließendes Wasser war im Privathaushalt nicht vorhanden. Dass die Schule Wasserleitungen legen und nutzen konnte, bedeutete Hightech und eine echte Dienstleistung. Heute bleibt der optische Effekt von kräftig blauen Fliesen mit Fischmotiven und einem Jugendstil gerecht gestalteten (Wasser-)Hahn.

Blau geflieste Trinkbrunnen in den Schulgängen. Fotos: Verfasserin, 2025

Treppenhaus: Zwei parallel gestaltete Treppenhäuser verbinden die Geschosse miteinander, dem planungsgemäß eines den Mädchen, eines den Knaben zustand. Bemerkenswert ist das Zusammenspiel von Formen, Gliederung, Materialien und Farben. Durch die verschieden gestreckten Bögen und das Rippengewölbe mit diagonalen und konkaven Linien an der weißen Decke ergibt sich Dynamik. Das Treppenhaus öffnet sich nach oben und unten. Die Elemente ergänzen sich in den Grundfarben Grau (Treppe, Geländer), Rot (Geländer) und Grün (Kachelfliesen). Das Rot wird weitergeführt in den terrakotta-farbigen Fliesen am Bodenrand, die in einen flächigen Fußboden der jeweiligen Geschosse übergehen. Ein helles Grün findet sich auch an der Wand wieder. Nach jedem Treppengeschoss wird außerdem die Sichtachse direkt auf einen blau gefliesten Trinkbrunnen eröffnet. Farben – sie sind nicht nur ein Augenmerk der Gartenschule, sondern waren auch begehrtes Prinzip im Jugendstil. Oder wie Lehrer Trinkle meinte: „Wir sind genötigt, auch sonst der neueren Strömung mehr Rechnung zu tragen und in unserem Schulzimmer mehr Farbe zu verwenden“. Grün und Blau an den Wänden waren seine Empfehlung. Kleine Zierelemente und Details wie die Deko-Fliese mit zwei Vögeln im Nest, umrandet von einem Kranz ergänzen das Bild. Neben dem generell beliebten Motiv eines Tieres, könnte hier sogar eine zweite schulische Interpretation hinzugefügt werden: Die jungen Vögel befinden sich im Nest, beschützt, stehen aber bereit zum Flug aufrecht am Rand. Sie werden flügge – ähnlich wie die Kinder am Ende ihrer Schulkarriere.












Das Treppenhaus mit grün gekachelten Säulen. Fotos: Verfasserin, 2025.

Auf dem Grundriss des Untergeschosses von Baumeister Julius Feucht ist die stringente symmetrische Aufteilung zu erkennen, die sich durch alle Geschosse zieht. Eingezeichnet sind eine Schuldienerwohnung (hier rechts) sowie ein Schülerbad. Quelle: Bauaktenarchiv Villingen-Schwenningen 500918 (Bildackerstraße 4).

Raumaufteilung: Im ersten und zweiten Obergeschoss verteilen sich die Klassenzimmer heute wie damals. 18 Klassenräume („Schullokale“), 1 Zeichensaal, 1 Konferenzzimmer, 2 Oberlehrerzimmer wurden benötigt. Was heute wenig auffallen würde, war zur Zeit der ersten, extra für den Schulzweck gebauten Häusern ein großes Thema: Licht und Luft. Wo sind die Fenster in einem Klassenzimmer anzubringen? Dass die Fenster alle auf einer und zudem auf der langen Seite eines Zimmers angebracht waren, war zuvor keineswegs selbstverständlich. Lehrer Trinkle beschrieb anschaulich, wie nervig es sei, wenn in Zimmern das Licht von vorne und von hinten käme und Schüler die Vorhangschnüre stets in der Hand halten müssten, um jederzeit zu- oder aufziehen zu können. Elektrische Beleuchtung war auch noch nicht jedem Klassenzimmer von Beginn an vergönnt. Die Breite der Gänge wurde berechnet, über Lage der Türen diskutiert, um „schnelles Entleeren“ der Zimmer zu ermöglichen, Wege kurzgehalten, um Staus zu vermeiden.

Ausstattung der Klassenzimmer: In den Klassenzimmern ist teilweise noch alter Parkettboden verbaut. Der Lehrer stand mit einem Katheder (Pult) vorne, oft mit Wandtafel oder Wandkarte und anderen klassischen Lehrmitteln, die ab der Jahrhundertwende zum vermehrten Einsatz kamen. Um 1900 wurden neue Fächer unterrichtet. Nicht nur Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion und Singen, sondern nun auch Realien (Geschichte, Geographie, Naturgeschichte, Naturlehre), Turnen, Zeichnen und bei Mädchen Handarbeitsunterricht kamen neu hinzu.10 Die klassischen Schulbänke (sogenannte Subsellien) waren in Reihen aufgestellt, Sitz und Tisch miteinander verbunden. Das Schulmobiliar wurde bezogen von der Hohenloher Schulbankeinrichtung J. Kottmann in Öhringen sowie der Vereinigte Schulmöbelfabriken GmbH Stuttgart. Allein diese Fabriken sind ein Beleg für die begonnene Spezialisierung und Professionalisierung auch im Schulbereich.11

Schülerbad

Die Nutzung der Räumlichkeiten abseits der Standardklassenzimmer hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt und wechselte je nach Trends: Gymnastikraum, Physik- und Chemiesaal, Fotolabore, Mensa, Ganztagesbetreuung…12 An was heute kaum jemand denken mag, ist die Einrichtung eines Schülerbads im Keller der Gartenschule. Das Schülerbad meinte kein Schwimmbad. Lehrer Trinkle erklärte seinen gedachten Nutzen vielmehr folgendermaßen: „Hier, wo die Straßen zu wünschen übrig lassen, wo gerade die häusliche Aufsicht so viel fehlt, weil die Mütter in der Fabrik oder auf dem Feld arbeiten, wo so viele Kinder auf die Straße angewiesen sind u. da in wörtlichem Sinne herumliegen, hier, wo die Badegelegenheit mangelt, ist ein Schülerbad mindestens so notwendig wie an zahlreichen Orten, wo neuerdings nie mehr versäumt wurde, ein solches einzurichten. Es ist nicht nur der Zweck, daß das Bad die Gesundheit der Schüler überhaupt fördert u. größere Reinlichkeit dient u. solche den Schülern als natürliches Bedürfnis mit der Zeit angewöhnt, sondern ich schätze ebenso sehr den indirekten Nutzen. Wenn eine Mutter weiß, daß ihr Kind sich vor fremden Personen auskleiden muß, so wird sie vermeiden, daß dasselbe mit beschmutzten Hemden herumläuft u. seinen Nebensitzern durch üblen Geruch belästigt wird. Wir Lehrer an den Knaben B-Klassen wissen ein Lied davon zu singen u. wären für Abhilfe sehr dankbar.“ Das Schülerbad bestand aus drei Becken, mit kniehohem Wasser, in welchen sich die Schüler nacheinander abbrausten. Badeordnung und Schuldiener sorgten dafür, dass auch alle in den Genuss kamen und nicht trödelten.13

Brausebad einer Volksschule in Weinböhla, 1913. Quelle: Schulchronik – Oberschule Weinböhla, https://oswbl.de/schulchronik/ – letzter Zugriff: 14.09.2026.

Über die weitere Entwicklung der Schule, über das Gebäude und noch viel mehr über den Alltag gäbe es sicherlich weit mehr zu erzählen, was sich in den Köpfen von Schülern und Lehrern verankert hat. Ob die Zeit im Ersten Weltkrieg, als die Schule als Lazarett des Deutschen Roten Kreuzes diente. Ob die Empfehlungen der Schulärzte zu Schülerspeisungen und Zahnuntersuchungen. Oder ob es Lehrertypen und ihre Bestrafungsformen sind. Durchschnittlich 1.000 Kinder pro Jahr gingen in den Jahrzehnten der Gartenschule ein und aus. Bis Mitte der 1970er Jahre war die Gartenschule Volksschule, durfte sie also von der 1. bis zur 8. Klasse besucht und eine Schulkarriere mit dem 14. Lebensjahr beendet werden. Danach konnte man auf eine Fortbildungsschule oder in die Sonntagsschule. Die meisten Jugendlichen begannen gleich ihre Lehre. Seit den 1970ern ist die Gartenschule ‚nur noch’ eine Grundschule von Klasse 1 bis 4. Die Hauptschule wurde andernorts angesiedelt. Heute gehören mit der Außenstelle Rinelen rund 450 Kinder zur Gartenschule und beleben das Haus.14 Manches verbindet sie mit den Kindern der 120 Jahre zuvor: Heute wie damals zählen für sie in der Schulzeit vor allem Gemeinschaft und das tägliche Treffen von Freunden. Das möglich zu machen, ist indirekt auch ein Verdienst der Architektur sowie der Verdienst reformatorischer Gedanken und Ideen vor über 120 Jahren.

Meine Herren! Ich bin am Schluss!

beendete Lehrer Trinkle 1906 seinen Vortrag vor dem Bürgerverein (mit dieser Zitierung sind Frauen leider wörtlich ausgenommen, aber natürlich heute gleichberechtigt mitgedacht): „Nach übereinstimmender Ansicht der Ärzte und Pädagogen macht das Kind niemals in seinem Leben mehr einen solchen großen Schritt wie beim Eintritt in die Schule. Die Kluft zwischen dem ungebundenen Leben im Elternhaus und der Arbeit der Schule ist sehr groß. Sie zu überbrücken ist Pflicht eines jeden. Wir haben uns bemüht, ein Schulzimmer zu schaffen, das durch seine Behaglichkeit u. Wohnlichkeit, durch seine Wärme und Gediegenheit an das Familienzimmer erinnert, ja vielleicht für manchen Schüler dasselbe übertrifft und den Schüler dadurch von selbst auf eine höhere Stufe hebt.“ Ob das eintraf? Was meinen Sie?

Verwendete Quellen und Literatur:

Bauaktenarchiv Villingen-Schwenningen, 500918 (Bildackerstraße 4)

Stadtarchiv Villingen-Schwenningen (SAVS):

  • SAVS 3.1-3 Nr. 4452: Evangelische Volksschule: Statistik, 1912/131914/15
  • SAVS Best. 3.1-3 Nr. 4497 (5030): Kostenverzeichnis Betr. den Neubau der Gartenschule, 1909.
  • SAVS Best. 3.1-3 Nr. 4496 (5030): Trinkle, J.: Über den Bau eines modernen Schulhauses. Vortrag im Bürgerverein Schwenningen a.N. am 6. Oktober 1906.
  • SAVS Best. 3.1-3 Nr. 4518: Inventar der Evangelischen Knabenvolksschule, 1912.
  • SAVS Best. 5.22 Nr. 1130 (9500): Gemeinderatsprotokolle: Volksschulen.

Breuer, Judith: Ein kindgerechter Schulbau. Die Heusteigschule in Stuttgart. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg Bd. 30 Nr. 3 (2001), S. 150-152.

Burkhardt, Marga / Grau, Ute / Guttmann, Barbara: Villingen und Schwenningen im Kaiserreich. In: Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen. Bd. II: Der Weg in die Moderne. Villingen-Schwenningen 2017, S. 168-261, hier S. 240-242.

Egger, Jan: Häuser machen Schule. Eine architektursoziologische Analyse gebauter Bildung. (Rekonstruktive Bildungsforschung Bd. 27). Wiesbaden 2019.

Freer, Michael: Das Schulhaus – Entwicklungsetappen im Rahmen der Geschichte des Bauern- und Bürgerhauses sowie der Schulhygiene. Passau 1998.

Kaißer, Bernhard: Geschichte des Volksschulwesens in Württemberg. Bd. 1: Das Volksschulwesen im früheren Herzogtum und im jetzigen Königreich Württemberg. Stuttgart 1895.

Krüger, Renate: 100 Jahre Gartenschule. In: Heimatblättle 2009, Heft 5, S. 7-8.

Reinartz, Manfred: Die Badeordnung der Gartenschule. In: Heimatblättle 1991, Heft 6, S. 5.

Schäfer, Jost: Frühe Schulbauten im Rheinland. Köln 1990.

Würth, David: Vom Dorfschulmeister zum Stadtschultheißen in Schwenningen a. Neckar, Schwenningen 1929.

Zimmermann, Michael: Gartenschule – die größte Grundschule im Kreis. In: Die Neckarquelle (Nr. 144), 26. Juni 1999.

Fußnoten:

  1. Zitat entnommen aus: Zimmermann, Michael: Gartenschule – die größte Grundschule im Kreis. In: Die Neckarquelle (Nr. 144), 26. Juni 1999. ↩︎
  2. Laut Volkszählung hatte Schwenningen 13.736 Einwohner im Jahr 1907, vgl. Schwenningen 2007. 100 Jahre Stadtrecht – Jubiläumsbroschüre, hrsg. von der Stadt Villingen-Schwenningen 2007. ↩︎
  3. Trinkle, J.: Über den Bau eines modernen Schulhauses. Vortrag im Bürgerverein Schwenningen a.N. am 6. Oktober 1906. ↩︎
  4. Vgl. Gemeinderatsprotokolle: Volksschulen – chronologischer Abriss, S. 3, 22.11.1906: „Nach diesen Besichtigungen beginnt die Beratung über das Bauprogramm […] Bauplatz: an der Gartenschule, Nachprüfg. dch. Prof. Fischer, Erbauer des vorzüglich gelungenen Sammelschulhauses in Stuttgart.“ ↩︎
  5. Zitat entnommen aus: Zimmermann: Gartenschule (1999). ↩︎
  6. Vgl. Kostenverzeichnis Betr. den Neubau der Gartenschule, 1909. ↩︎
  7. Schülerzahlen sind z.B. aus der Statistik der Schülerzahlen der evang. Volksschule in Schwenningen zu den Schuljahren 1912/13 sowie 1914/15 ablesbar, SAVS 3.1-3 Nr. 4452. Zudem nannte für die spätere Zeit auch die Neckarquelle in ihren Schlagzeilen häufiger Zahlen. ↩︎
  8. Das markante Feuerwehrgerätehaus wurde erst 1914 in direkter Nähe zum Toilettengebäude erbaut. ↩︎
  9. Vgl. David Würth in seiner autobiographischen Schrift, Vom Dorfschulmeister zum Stadtschultheißen in Schwenningen a. Neckar, S. 53. ↩︎
  10. Auch David Würth weist darauf hin, vgl. ebenda, S. 53. ↩︎
  11. Vgl. Kostenverzeichnis (1909) sowie Inventar der Evangelischen Knabenvolksschule 1912. ↩︎
  12. Davon zeugen beispielsweise die über Jahrzehnte abgedruckten Zeitungsartikel der Neckarquelle über ‚Neuheiten’ an der Gartenschule. ↩︎
  13. Vgl. Reinartz, Manfred: Die Badeordnung der Gartenschule. In: Heimatblättle 1991, Heft 6, S. 5. ↩︎
  14. Über unsere Schule – Website der Gartenschule Villingen-Schwenningen, https://www.gartenschule-vs.de/unsere-schule/ueber-unsere-schule – letzter Zugriff: 14.09.2026. ↩︎