Die Villinger Altertümersammlung entstand als Gemeinschaftsprojekt der Stadtbevölkerung. Nach ihrer Gründung durch die Stadträte Ferdinand Förderer und Ferdinand Stocker sowie dem Ankauf erster Objekte aus der Sammlung des Rathauswärters Fidel Hirt wurde ein Sammlungsaufruf veröffentlicht, an dem sich in den folgenden Jahren Hunderte Menschen beteiligten. Diese „Zuträger“ kamen aus nahezu allen sozialen Schichten und besaßen sehr unterschiedliche berufliche Hintergründe: vom Seifensieder bis zum Stadtbaumeister, vom Postdirektor bis zum Polizeidiener.[1] Ihre Namen und Berufe sind im „Repertorium“, dem ersten Inventarverzeichnis, ebenso aufgeführt wie die Gemälde, Skulpturen, Möbel, Waffen, archäologischen Funde, Schriftstücke und Alltagsgegenstände, die sie in die Sammlung gaben. Diese Quelle eröffnet damit aufschlussreiche Einblicke in das städtische Gefüge des späten 19. Jahrhunderts. Gelegentlich treten dabei auch Lebensläufe hervor, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind.

Zu diesen Personen gehört der im Repertorium als „Bezirks-Thierarzt“ genannte Hermann Utz (1833–1906). Im Jahr 1882 gab er „eine große eiserne Platte aus einem alten Ofen aus Schönenbach“ in die Sammlung. Das Objekt steht hier nicht im Mittelpunkt. Es gehört zu jenen eisernen Gebrauchswaren, die in den ersten Jahren in großer Zahl in die Sammlung kamen und sich damit vom Altmetall zum Museumsobjekt wandelten. Der Tierarzt selbst hingegen verdient unsere Aufmerksamkeit. Wer war dieser Mann, und was bedeutete es, Bezirkstierarzt in einer badischen Amtsstadt zu sein?
Tierheilkunde im Wandel
In Kleinstädten wie Villingen blieb die Tierheilkunde bis weit ins 19. Jahrhundert hinein von Erfahrungswissen geprägt. Häufig wurden Tiere von Hufschmieden, Stallmeistern oder Hirten behandelt, die handwerklich routiniert, medizinisch jedoch nur wenig bewandert waren.[2] Dabei waren Nutztiere für Landwirtschaft, Transport und Ernährung von großer Bedeutung. Tierkrankheiten konnten nicht nur die Gesundheit der Bevölkerung bedrohen, sondern vor allem ganze Tierbestände gefährden und schwerwiegende wirtschaftliche Folgen haben. Villingen musste das immer wieder erfahren: Wiederkehrende Seuchen gehörten zu jenem ständigen Bedrohungshintergrund, von dem das Leben bis weit in die Neuzeit hinein geprägt war. Welche Emotionen damit verbunden waren, lässt sich daran erkennen, wie tief sich einzelne Ereignisse in das kollektive Gedächtnis einschrieben. So breitete sich im Jahr 1765 eine besonders schwere Epidemie aus, die nur mit Mühe durch Quarantänemaßnahmen abgewendet werden konnte – eine jener „Rettungen aus höchster Not“, die die Geschichte Villingens prägen. Zum Dank stiftete die Bürgerschaft in der Wallfahrtskirche auf dem Dreifaltigkeitsberg ein Votivbild und versprach eine alljährliche Wallfahrt, die bis heute durchgeführt wird. Auch die beliebte Weihnachtstradition des „Kuhreihens“ mit einem Herterhorn geht auf dieses Ereignis zurück. Das originale Horn, mit dem der letzte Villinger Herter Nikolaus Seemann (1793-1847) die Kühe zusammentrieb, ist derzeit in der Sonderausstellung „Ausgepackt! Schätze aus der Sammlung“ zu sehen.

Verständlich also, dass die Tierheilkunde in Zeiten zunehmender Rationalisierung der Verwaltung und wissenschaftlichen Forschung zu einer drängenden öffentlichen Aufgabe wurde. Seit der ersten Jahrhunderthälfte verfügte Villingen über Fachleute wie den Tierarzt Lukas Brotz, dessen Pflichten von der Behandlung kranker Nutztiere über die Bekämpfung von Viehseuchen bis zur amtlichen Fleischbeschau reichten.[3] Eine stärker wissenschaftliche Prägung und eine bedeutendere Stellung erhielt das badische Veterinärwesen jedoch erst durch die Erhebung zu einem eigenen Verwaltungszweig im Jahr 1864. Unter dem Landestierarzt August Lydtin wurde Baden zu einem frühen Reformland der tierärztlichen Lebensmittelüberwachung und nahm unter den deutschen Staaten eine Vorreiterrolle ein.[4] Wissenschaftlich geschulte Veterinäre wie Hermann Utz verkörperten damit einen neuen Typus des Tierarztes, der die alten Praktiker zunehmend ersetzte.

Der Wissenschaftler im Stall
Utz wurde 1833 in Degernau geboren und ließ sich nach beruflichen Stationen in Furtwangen, Karlsruhe und Stockach 1857 in Villingen nieder, wo er 1865 zum Bezirkstierarzt ernannt wurde.[5] Schon zu Beginn seiner Tätigkeit verwendete er konsequent das Mikroskop, verfolgte die medizinische Fachliteratur und veröffentlichte im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, vor allem über Rinder- und Schweineseuchen. In der veterinärmedizinischen Literatur der Zeit um 1900 wurde er vielfach zitiert.[6] Zugleich blieb Utz offenbar ein Mann der Praxis. Als er in den 1880er-Jahren als Assistent Lydtins nach Karlsruhe berufen wurde, sagte ihm die Bürotätigkeit nicht zu. Er sehnte sich nach der tierärztlichen Arbeit vor Ort und kehrte wieder in den unmittelbaren Berufsalltag zurück.[7] Utz war nicht nur Vertreter einer neuen Wissenschaft, sondern auch ein Arzt des alltäglichen Lebens, der seine Arbeit im Stall ebenso wie im Schlachthaus und in der Amtsstube verrichtete. Er behandelte kranke Nutztiere, begutachtete Gemeindefarren, überwachte Tiermärkte und wirkte bei der Fleischbeschau mit. Im Seuchenfall hatte er zentrale amtliche Aufgaben und gab den behördlichen Maßnahmen ihre fachliche Grundlage, womit er tief in die Wirtschafts- und Alltagsverhältnisse der Bevölkerung eingriff. Dabei war diese Stellung zumindest in den ersten Jahrzehnten noch keine gesicherte Beamtenexistenz im modernen Sinn. Die amtliche Tätigkeit wurde eher bescheiden über Gebühren und Diäten abgegolten, während Utz seinen Lebensunterhalt zu erheblichen Teilen aus der Privatpraxis bestreiten musste.[8]
Offenbar war es Utz ein Anliegen, seine Leidenschaft für die Veterinärmedizin an jüngere Generationen weiterzugeben. Der Villinger Emil Blum-Neff berichtete in seinen Lebenserinnerungen über den früheren Vermieter seiner Familie, dieser habe sein „Interesse für Tier und Strauch“ gesehen, ihm Bücher ausgeliehen, auf Dienstgänge mitgenommen und beim Präparieren von Pferdeknochen beschäftigt.[9] 1902 trat Utz in den Ruhestand, führte seine Praxis aber noch drei Jahre weiter. Im Juni 1906 starb der 73-Jährige nach längerer Krankheit in Freiburg. Er hinterließ seine Frau und zwei erwachsene Kinder. Ein Nachruf würdigte den Bezirkstierarzt als einen jener Männer, „welche mächtig dazu beigetragen haben, das badische Veterinärwesen aus dem Staube, in dem es sich befand, zu heben und allmählich einer besseren Zukunft entgegenzuführen“.[10]
Ein Lungenwurm macht Utz überregional bekannt

Als besondere wissenschaftliche Leistung gilt seine Wiederentdeckung des Lungenhaarwurms bei Schafen, der damals als Pseudalius capillaris bezeichnet wurde und heute meist unter dem Namen Muellerius capillaris geführt wird.[11] Der Parasit war bereits in den 1840er-Jahren von englischen Forschern beschrieben worden, geriet dann aber weitgehend aus dem Blick der Fachwelt.[12] In Villingen stieß Utz im Jahr 1880 bei der Fleischbeschau auf auffällige Veränderungen an den Lungen geschlachteter Schafe. An den lebenden Tieren war der Befall oft unbemerkt geblieben oder hatte sich nur in unspezifischen Symptomen geäußert. Erst die Untersuchung unter dem Mikroskop machte das Problem sichtbar: einen feinen, etwa zwei Zentimeter langen Wurm, der sich tief im Lungengewebe festsetzte. Die Veröffentlichung durch Utz machte den Befund erneut bekannt und gab der veterinärmedizinischen Forschung einen wichtigen Anstoß. In der Fachliteratur folgten bald weitere Untersuchungen und Nachweise. Für Villingen zeigt sich hier ein echter Epochenwandel: Die badische Kleinstadt war in den Blickpunkt der wissenschaftlichen Öffentlichkeit gerückt, an die Stelle rein äußerlicher Beobachtung war der systematisch-mikroskopische Blick getreten, und wo man den als schicksalshaft erfahrenen Mächten einst mit religiösen Bewältigungsformen begegnet war, vertraute man nun auf die ordnende Kraft des menschlichen Verstandes.
Hermann Utz ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Anlässlich seines 120. Todestages verdient er es, wieder in Erinnerung gerufen zu werden: als früher Vertreter einer zunehmend naturwissenschaftlich fundierten Tiermedizin und als Arzt, der seine Arbeit auch als Dienst an seinen Mitmenschen verstand. Dass der Weg zu ihm über eine bescheidene Gabe an die städtische Sammlung führt, zeigt zugleich das Potenzial der archivalischen Quellen zur Museumsgeschichte. Sie erhellen den heutigen Bestand des Franziskanermuseums und öffnen den Blick auf die Stadtgesellschaft, mit der das Museum seit seiner Gründung eng verbunden ist. Die aktuelle Sonderausstellung „Ausgepackt! Schätze aus der Sammlung“ versammelt viele weitere solcher Geschichten und zeigt, wie aus dem Sammlungsaufruf von 1876 ein kulturhistorisches Museum entstand, das über die Region hinaus wirkt. Die Ausstellung ist noch bis 21. September zu sehen.
[1] Vgl. Graßmann, Peter: Die Stadt und ihr Museum. Akteure und Netzwerke in den Gründungsjahren der Villinger Altertümersammlung (1876-1889), in: Auer, Anita (Hrsg.): Ausgepackt! Schätze aus der Sammlung, Villingen-Schwenningen 2026, S. 20-31.
[2] Vgl. Schäffer, Johann: Von der Empirie zur Wissenschaft. Die Veterinärmedizin im 19. Jahrhundert, in: Fürll, Manfred (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der Veterinärmedizin Mitteldeutschlands – 2020. Die Dresdener Tierarzneischule und Sachsens Pferde im 19. Jahrhundert, Leipzig 2020, S. 29–35.
[3] Vgl. SAVS 1.42.03:28.
[4] Vgl. Sedlmeier, Petra: Von der „außerordentlichen Fleischbeschau“ zur Kontrolle der Eigenkontrolle. Entwicklung der tierärztlichen Lebensmittelüberwachung in Baden und Württemberg, Wettenberg 2005, S. 31; N. N.: Lydtin, August, in: Meyers Konversations-Lexikon, 4. Aufl., Bd. 17, Leipzig 1890, S. 545.
[5] Diese und alle weiteren biographischen Angaben vgl. Lydtin, August [mutmaßlich]: Nachruf, in: Deutsche tierärztliche Wochenschrift 14, Nr. 29, Hannover 1906, S. 353 ff., sowie SAVS 1.42.03:49.
[6] Vgl. etwa die Diskussion einer von Utz diagnostizierten und besprochenen Rinderkrankheit bei Frank, Theodor: Eine eigentümliche Vergiftung, in: Mitteilungen des Vereins badischer Tierärzte 3, 1903, S. 167.
[7] Vgl. Lydtin 1906.
[8] Vgl. SAVS 2.02:5691.
[9] Vgl. Landauer, Gustav: Briefe und Tagebücher 1884–1900. Band 2: Kommentar, hrsg. und kommentiert von Christoph Knüppel, Göttingen 2017, S. 731.
[10] Lydtin 1906.
[11] Vgl. N. N.: Die Lungenwurmknoten der Schafe, in: Tageblatt der 53. Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte in Danzig vom 18. bis 24. September 1880, Danzig 1880, S. 301.
[12] Vgl. Müller, Arthur: Die Nematoden der Säugethierlungen und die Lungenwurmkrankheit. Eine zoologisch-pathologische Untersuchung, in: Deutsche Zeitschrift für Thiermedicin und vergleichende Pathologie 15, Leipzig 1889, S. 261–321; Ostertag, Robert von: Handbuch der Fleischbeschau für Tierärzte, Ärzte und Richter, Stuttgart 1899, S. 423 f.