In dieser Blogserie soll künftig über die Entwicklung der AR-Anwendung „GeheimnisGräberei“ berichtet werden. Am Anfang stehen ein jahrtausendealtes Verbrechen und eine innovative Technologie.

Gauner, Gräber und Gelehrte

Als der Magdalenenberg im Jahre 1890 das erste Mal archäologisch erforscht wurde, versammelten sich jeden Tag Schaulustige und Journalisten um das Grabungsloch. Die Presse überbot sich geradezu in Mutmaßungen, was sich in dem Hügel befinden könne: Ein römischer Offizier? Ein germanischer Goldschatz? Eine versunkene Burg, von der die Sage berichtete?

Das Ergebnis war spektakulär und ernüchternd zugleich: Entdeckt wurde eines der ältesten und größten hallstattzeitlichen Fürstengräber, aber – es war geplündert. Nur wenige Reste waren dem Zugriff der Grabräuber, die hier vor Jahrtausenden am Werke waren, entgangen. Das mutmaßliche Verbrechen, das hier geschehen war, ließ sich gut rekonstruieren, denn die Räuber hatten nicht nur ihren Einstiegsschacht zurückgelassen, sondern auch ihre Tatwerkzeuge in Form hölzerner Spaten.

Einer der hölzernen Spaten, die die Grabräuber als „Tatwerkzeug“ zurückließen.

Heute gilt der Magdalenenberg als einer der wichtigsten Fundorte dieser Zeit. Zu diesem Ruf trugen nicht nur seine Dimensionen und die über 120 ungeplünderten Nachbestattungen bei, die bei einer Zweitgrabung in den 70er-Jahren entdeckt wurden. Die hervorragende Erhaltung der aus Eichenbalken gezimmerten Zentralgrabkammer erwies sich als fundamental wichtig für die präzise Datierung solcher Fundkomplexe.

Diese Grabkammer mit ihren raumfüllenden Dimensionen ist eines der zentralen Ausstellungsstücke im Franziskanermuseum : 6 x 8 Meter, so groß wie eine Zweizimmerwohnung. Sie ist imposant, aber leer. Doch in Zukunft wird es den Museumsbesuchern möglich sein, zu erleben, was den Erstausgräbern vor 130 Jahren verwehrt blieb: Einen Blick in die ungeplünderte, reich gefüllte Schatzkammer des Keltenfürsten zu werfen.

Die Erweiterung der Realität

Das Zauberwort heißt „Augmented Reality“. Damit ist die Überlagerung von realen Raumeindrücken mit virtuellen Objekten gemeint. Der Benutzer blickt durch ein Gerät – zum Beispiel ein Smartphone, Tablet oder eine AR-Brille – und sieht nicht nur den echten Raum, in dem er sich befindet, sondern auch digital erstellte Zusatzinformationen. Pokémon Go ist ein bekanntes Beispiel dafür: Die kleinen Fantasiewesen, die der Spieler sammeln muss, scheinen sich beim Blick durch das Smartphone tatsächlich in der realen Welt zu befinden. Wirklichkeit und Illusion verschwimmen zu einem Gesamterlebnis.

Der Wagen des Keltenfürsten? Natürlich sah er so nicht aus. Die App zeigt jedoch das Grundprinzip von Augmented Reality: Ein virtueller Inhalt wird in den realen Raum eingefügt.

Für Rekonstruktionen bietet die Technik einen wesentlichen Vorteil: Sie kann zeigen, was real nicht (mehr) vorhanden ist, ohne dauerhaft in den Raum einzugreifen. Im Fall des Magdalenenberges heißt das:  Die Zentralgrabkammer bleibt unangetastet, sie steht weiterhin im Mittelpunkt. Beim Blick durch das Gerät sieht der Nutzer die Kammer jedoch gefüllt mit jenen Grabbeigaben, die dort einmal waren oder gewesen sein könnten – gleichsam wie in einem Traum, einer Fata Morgana.

Mit dieser Idee bewarb sich das Franziskanermuseum 2018 für die Förderlinie „Digitaler Wandel an nichtstaatlichen Museen im ländlichen Raum“ und wurde als eines von vier Museen ausgewählt. Es folgte ein Jahr der intensiven Vorbereitung durch die Medien- und Filmgesellschaft im Rahmen des Coachingprogramms „Museen im Wandel„, in dessen Verlauf die Idee mehr und mehr Gestalt annahm. Dabei wurde durchaus zu ungewohnten Methoden gegriffen: Wer hätte gedacht, dass man einen Prototyp für eine digitale Anwendung aus Lego und Knete basteln kann? Zentrale Erkenntnis war jedoch, dass sich die Anwendung im ständigen Austausch mit den späteren Nutzern weiterentwickeln muss. Statt ihnen ein fertiges Produkt vorzusetzen, sollen die Museumsbesucher aktiv in die Entwicklung einbezogen werden und die Möglichkeit zu konstruktivem Feedback erhalten.

Mittels Fragebögen und Leitfadeninterviews soll die Entwicklung der Anwendung laufend evaluiert werden

Zu diesem Zweck wurde ein „Bürgerbeirat“ eingerichtet, der die Entwicklung der App fortan laufend begleiten und sich regelmäßig zu Prototypen-Tests treffen soll. Am 9. März fand die konstituierende Sitzung statt, bei der das Grundprinzip der Anwendung sieben Männern und Frauen gemischten Alters und unterschiedlicher sozialer Hintergründe vorgestellt wurde. Auch bei anderen Gelegenheiten und mit anderen Gruppen soll künftig getestet werden, so etwa beim „Keltentag“ (24. Mai) oder am Museumsfest.

Magdalenenberg trifft „The Walking Dead“

Was ist nun die aktuelle Idee hinter der Anwendung „GeheimnisGräberei“? Es zeigte sich, dass ein bloßer Blick auf die gefüllte Grabkammer zwar interessant, aber wenig interaktiv ist. Also wurde die Idee zu einem Spiel mit folgender Story weiterentwickelt: Der Fürst vom Magdalenenberg kann nicht zur Ruhe kommen, weil seine Schätze gestohlen wurden. Der Spieler muss ihm dabei helfen, die verlorengegangenen Objekte wiederzufinden. Dazu begibt er sich im Museum auf Spurensuche, löst kleine Rätsel, beantwortet Fragen und lernt so nach und nach die Geheimnisse des Fürstengrabs und seiner Beraubung. Ist die Kammer wieder gefüllt, kann der Fürst zur Ruhe kommen.

Diese Geschichte ist gar nicht so weit hergeholt, wie man glauben mag. Tatsächlich gibt es zahlreiche Indizien dafür, dass die frühen Kelten an Wiedergänger glaubten, also an Tote, die aus ihren Gräbern kommen und die Lebenden heimsuchen. Einige als Amulette gedeutete Objekte aus den Nachbestattungen des Magdalenenbergs könnten mit solchen Vorstellungen in Zusammenhang stehen.

Ganz so gruselig wird es nicht: Cover der „Adventures Into Darkness“, 1953 (Wikipedia)

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Rekonstruktion des Grabkammerinhalts eine Herausforderung, denn natürlich weiß niemand, was sich in einem geplünderten Grab befand. Einige Objekte waren sicher dort, weil ihre Reste 1890 noch gefunden wurden: Ein vierrädriger Wagen, ein Schwein, der Fürst und ein Zaumzeug. Über die weiteren Inhalte können nur Mutmaßungen angestellt werden. Es gibt jedoch zeitgleiche Fürstengräber, aus denen sich eine „typische“ Grabausstattung der Zeit um 600 v. Chr. ablesen lässt. Doch dazu das nächste Mal mehr.

Wie geht es weiter?

Während die Konzeption laufend verfeinert wird, beginnen demnächst die ersten Schritte zur technischen Umsetzung. Dabei sind noch einige Hürden zu nehmen. Avisierter Veröffentlichungstermin ist das Frühjahr 2021. Bis dahin werden wir laufend über Fortschritte, Prototypen und aufkommende Schwierigkeiten (sowie deren Lösungen) berichten – auch in diesem Blog. Bleibt gespannt!