Am Himmel kreisen Flugzeuge, Zeppeline und Ballons, eine Schwebebahn schlängelt sich über den Dächern entlang. Unten zweigen Straßenbahnen in alle Richtungen ab, dazwischen tummeln sich Menschen auf Motorrädern, Fahrrädern und Autos. Eine Person stürzt: Die Hektik der Moderne fordert ihre Opfer.

„Villingen in der Zukunft“, um 1910 (Privatsammlung Manfred Hildebrandt)
„Schwenningen in der Zukunft“, um 1910 (Stadtarchiv VS)

„Villingen in der Zukunft“ – so ist die Szene überschrieben. Gezeigt wird sie auf einer Ansichtskarte aus der Zeit um 1910. Aus der vertrauten Ansicht der Oberen Straße hat der Künstler eine Montage mit Motiven zeitgenössischer Mobilität erstellt. Ähnlich wie im heutigen digitalen „Copy & Paste“ konnten dieselben Versatzstücke beliebig rekombiniert werden, weshalb die Schwebebahn, der Motorradfahrer oder die stürzende Person auch auf anderen Postkarten auftauchen. Zukunftsansichten waren um die Jahrhundertwende schwer in Mode und wurden für zahlreiche Städte produziert. Und so sehen wir die schon bekannten Elemente auch auf einer Ansichtskarte aus Schwenningen. Hier ist es der Marktplatz, der zum Schauplatz moderner Betriebsamkeit wird. Die Zukunft schien in Schwenningen vielleicht schon näher und greifbarer als in Villingen, denn es hatte ja gerade erst den Sprung vom „größten Dorf Württembergs“ zur Industriestadt geschafft und wurde zunehmend von urbanen Strukturen geprägt. Ein Schornstein ragt wie ein Mahnmal am rechten Bildrand empor: Bringt die Zukunft Wohlstand oder zerstört sie die dörfliche Idylle? Eine Wertung ist nicht eindeutig festzustellen.

„Villingen in der Zukunft“, um 1910 (Privatsammlung Manfred Hildebrandt)

Im Allgemeinen war die Zeit um 1900 jedoch geprägt von großem Optimismus und einer beispiellosen Modernitätseuphorie. Vor allem die Entwicklung der Mobilität machte Riesensprünge: Autos mit Verbrennungsmotoren lösten allmählich die älteren Dampfwagen ab, die Brüder Wright führten die ersten andauernden Motorflüge durch und in Friedrichshafen wurde der erste Zeppelin gebaut. Besonders futuristisch wirkte auf die Zeitgenossen die 1901 in Betrieb genommene Wuppertaler Schwebebahn, die wir dementsprechend auf der Villinger Postkarte sehen.  Solche Bildmontagen waren freilich weniger ernstzunehmende Prognosen als eher humoristische Souvenirs. Deutlich wird das auf einer anderen Zukunftsansicht Villingens. Dargestellt ist ein Gewirr aus Flugzeugen und Luftschiffen über einer pittoresken Stadtansicht. Gesteuert werden die Fluggeräte größtenteils von Frauen, die karikaturistisch überzeichnet sind und auf comichafte Weise interagieren. Fantasien einer gleichberechtigten Gesellschaft, in der Frauen dieselben Funktionen, Pflichten und Privilegien übernehmen wie Männer, waren ein weiterer beliebter Zukunftstopos in der Zeit um 1900 – spöttische Motive etwa von „Frauen in der Armee“ existieren en masse.

„Villingen wird Großstadt: Der neue Bickentorvorplatz“, um 1910 (Privatsammlung Manfred Hildebrandt)
„Villingen wird Großstadt“, um 1910 (Privatsammlung Manfred Hildebrandt)

Der Zukunftshumor funktioniert natürlich nur, weil die dargestellten Orte eben keine Großstädte waren. Und so schien auch die Idee einer Villinger Straßenbahn reichlich absurd: Eine solche ist auf zwei Ansichtskarten zu sehen, einmal vor dem Bickentor und einmal in der Oberen Straße. Die Bahn fährt, wie das Schild verrät, nach „Kirnach“, zum damals beliebten Naherholungsgebiet im Stadtwald. Die Montage ist hier, vor allem perspektivisch, realistischer als in den anderen Ansichten, sodass auf den ersten Blick kaum auffällt, dass auch das Gebäude zur Linken des Bickentors ein „Fake“ ist. Natürlich existierte an dieser Stelle kein „Hotel Excelsior“ mit damals hochmoderner Jugendstilfassade – dieses wurde vielmehr dem Stadtbild von Saarbrücken entliehen.

Ideen einer urbaneren Infrastruktur in Villingen und Schwenningen sind noch lange kein Schnee von gestern. Als das Stadtplanungsunternehmen urbanista zur Erstellung seines Leitbildes für VS die Bürger befragte, wie sich die Stadt verändern solle, wurde die Einrichtung einer Straßenbahn mehrfach genannt. Sogar eine Seilbahn zwischen den Teilorten wurde vorgeschlagen. Ernstgemeinte Anregung oder pfiffiger Humor? Die Frage nach der Zukunft der Mobilität bleibt aktuell – an ihr hängt seit jeher die Frage nach der Zukunft an sich.

Die Ansichtskarten sind derzeit in der Sonderausstellung ‚Wie tickt Villingen-Schwenningen?‘ im Franziskanermuseum zu sehen. Das Museumsfest am 5. November widmet sich dem Motto ‚mobil‘.