Beim Blick aus dem Fenster hinaus in die frühlingshafte Natur, zu blühenden Obstbäumen und einem strahlendblauen Himmel, mag man gar nicht glauben, dass man sich mitten in einer Krise befindet. Doch SARS-CoV-2 stellt die Weltgemeinschaft vor eine ihrer größten Herausforderungen seit dem 2. Weltkrieg. Dabei kommt uns Menschen des 21. Jahrhunderts eine entscheidende Verbündete zu Hilfe: DIe moderne Wissenschaft.

Das war nicht immer so. Seuchen und Naturkatastrophen haben die Menschheit seit jeher heimgesucht, doch vergangene Generationen konnten sich auf die schrecklichen Geschehnisse oft keinen Reim machen, weil ihnen das nötige Hintergrundwissen fehlte. Beispielhaft dafür ist ein Schreckensjahr, das wie eine biblische Plage über die Welt zu kommen schien und auch in Villingen schmerzhafte Spuren hinterließ: 1816, das „Jahr ohne Sommer“.

Ein Kreuzer für eine Hungerportion

In diesem Jahr kostete ein Wecken in Villingen wie üblich 1 Kreuzer. Die vom Stadtrat erlassene Brotordnung garantierte die Preisbindung, dafür jedoch war das Brotgewicht variabel, weil es sich nach dem höchsten Preis richtete, den das Malter Korn im Kaufhaus erzielte. Stieg der Preis des Getreides, wurde also nicht der Brotpreis erhöht, sondern das Brotgewicht verringert. Und wer sich im Jahre 1816 für seinen Kreuzer eine satte Mahlzeit erhoffte, wurde enttäuscht: Die Wecken waren nicht einmal handtellergroß. Zwei solcher Exemplare sind erhalten geblieben und werden im Franziskanermuseum, Abteilung Stadtgeschichte bis heute, ausgestellt.

Unscheinbare Zeitzeugen: Kreuzerwecken in der Abteilung „Stadtgeschichte bis heute“, Franziskanermuseum, Inv.nrn. 12331/2

Grund für die gestiegenen Getreidepreise waren schwere Ernteausfälle durch niedrige Temperaturen und lang anhaltende Regenfälle. Die Erträge waren so gering, dass kaum die Aussaat für das kommende Jahr gewonnen werden konnte. War das Getreide nicht schon im Boden verfault und erfroren, wurde es anfällig für den Befall mit dem Mutterkornpilz, der beim Verzehr durch den Menschen Krämpfe, Halluzinationen und Atemlähmungen verursachen kann. Die letzten Vorräte waren rasch aufgebraucht, und obwohl es in diesem Jahr viele Kartoffeln gab, konnte man sie nicht ernten, weil es bereits im Oktober begonnen hatte zu schneien.

Die Lage spitzte sich zu, die Getreidepreise stiegen immer weiter: Ein Malter (ca. 150 kg) kostete im September bereits das Vierfache gegenüber einem normalen Jahr, im April 1817 mehr als das Fünffache, im Juni schließlich das Achtfache. Armut und Hunger griffen um sich. Das Getreide wurde mit Sägespänen und Moos gestreckt, aus Resten von Kartoffelschalen wurden dürftige Speisen bereitet. Die Zeit der Not war jedoch auch eine Zeit des Mitgefühls: Viele teilten das Wenige, das sie hatten, mit den Ärmsten und Schwächsten. Trotzdem ließen sich zahlreiche Todesfälle nicht vermeiden. Manch einer richtete seine Hoffnung auf ein neues Leben in Übersee, und so fand in diesem Jahr die erste große Auswanderungswelle von Villingen nach Amerika statt. Dabei waren die USA vom „Jahr ohne Sommer“ keineswegs verschont geblieben: Vor allem der Nordosten Amerikas wurde von schlechtem und kaltem Wetter heimgesucht und verzeichnete den bis heute kältesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Tatsächlich hatte das Ereignis globale Ausmaße – was man damals jedoch nicht wusste.

Halsgeige für Mundraub

Während die Quellenlage für Villingen eher spärlich ist, ist der Verlauf der Hungerjahre 1816/17 für Schwenningen besser dokumentiert. Man schätzt, dass in dieser Zeit etwa ein Drittel der Schwenninger unterhalb der Armutsgrenze leben musste. Vor Verzweiflung schritten die Armen zum Mundraub, der aber streng bestraft wurde. So mussten sich die Frau des Schneiders Johannes Jauch sowie dessen Magd Anna Kaiser wegen Grasdiebstahls vor dem Dorfgericht verantworten, wo sie zu 6 bzw. 12 Stunden Zuchthaus sowie 40 Kreuzern Schadensersatz verurteilt wurden. Im Wiederholungsfalle wurde ihnen angedroht, sie öffentlich in einer Halsgeige zur Schau zu stellen. Doch schon im Oktober stand Anna Kaiser erneut vor Gericht, diesmal weil sie beim Kartoffeldiebstahl erwischt wurde. Mit Rücksicht auf ihre Armut und ihr kleines Kind verzichtete man auf die Halsgeige und bestrafte sie erneut mit 12 Stunden Zuchthaus – eine für die damalige Zeit durchaus milde Strafe. Um die überhandnehmenden Felddiebstähle zu unterbinden, wurden die Felder nun jede Nacht durch 8 Bürger und ein Magistratsmitglied gehütet, außerdem wurde der Bevölkerung verboten, die Felder zwischen 18 Uhr abends und 7 Uhr morgens aufzusuchen.

„Merkwürdige Vorstellung auf die große Theurung der Jahre 1816 und 1817“, Franziskanermuseum, Inv.nr. 14526

Im August 1817 war endlich ein Ende der Krise abzusehen: Die Bauern fuhren eine reiche Ernte ein. Im ganzen Land wurde dies mit Festzügen gefeiert. Einen solchen sehen wir auf einem wohl in Reutlingen gedruckten Flugblatt mit dem Titel „Merkwürdige Vorstellung auf die große Theurung der Jahre 1816 und 1817“, das ebenfalls im Franziskanermuseum verwahrt wird. Ein prächtig geschmückter Erntewagen zieht unter dem allsehenden Auge Gottes an einer Stadt vorbei, religiöse Sprüche bringen den Dank der Menschen zum Ausdruck: „Der Seegen des Allmächtigen steige von oben herab; über die Früchten der Erden und seye allezeit bey uns“, „lobet den Herren alle Völker, denn das Land hat seine Früchten gegeben“. Eine ähnliche Szene muss sich in Schwenningen abgespielt haben. Von dort ist überliefert, dass zwei geschmückte Erntewagen vor die Kirche fuhren und ein feierlicher Gottesdienst „in Gegenwart einer großen Menge Volks mit vieler Rührung“ abgehalten wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits 117 Schwenninger ihre Heimat in Richtung Amerika verlassen.

Eine globale Klimakatastrophe

Ähnlich wie in Villingen und Schwenningen sah die Situation in weiten Teilen Europas aus: Kälte, Unwetter, Überschwemmungen, Missernten, Hunger. In Weimar schrieb Johann Wolfgang von Goethe in sein Tagebuch:“Schrecklich durchwässerter Zustand des Gartens“, in einem Brief an Carl Friedrich Zelter beklagte er sich über einen Sommer, der „mehr niederhält als aufrichtet“ und seinem Freund Carl Ludwig von Knebel gegenüber äußerte er die Hoffnung, „einem bessern Klima und günstigern Witterung entgegen zu gehen“. In Frankreich und England kam es sogar zu gewaltsamen Aufständen.

Caspar David Friedrich: Frau vor der untergehenden Sonne, 1818, Museum Folkwang Essen (Wikipedia)

Zur selben Zeit vollzog sich eine interessante Entwicklung in der Kunstgeschichte, denn plötzlich erfreuten sich Motive von feuerroten Sonnenuntergängen und gleißend-gelben Himmeln einer besonderen Beliebtheit in der Malerei. Der Zusammenhang war den Zeitgenossen nicht bewusst, doch Hunger und Naturromantik hatten dieselbe Ursache: Den Ausbruch des Vulkans Tambora auf der Insel Sumbawa in Indonesien. Dieser hatte im April 1815  etwa 160 km³ Pyroklastika und 60-80 Megatonnen Schwefeldioxid in die Atmosphäre geschleudert, wo sie sich wie ein Schleier um den ganzen Erdball verteilten. Es bildete sich eine Wolke aus Sulfataerosolen, die das Sonnenlicht verminderten und so eine globale Abkühlung bewirkten, die bis 1819 anhielt. Erstaunlicherweise sorgten dieselben Aerosole für jene besonders intensiven Licht- und Farbstimmungen, die man von den Gemälden Caspar David Friedrichs oder William Turners kennt.

Auf dem Calderaboden des Tambora, Blick Richtung Norden, Georesearch Volcanedo Germany, 2013

Von all dem wussten die Villinger und Schwenninger nichts. Sie konnten durch die Zeitungen zwar vom Ausbruch des Tambora erfahren, doch eine Verbindung zu diesem Ereignis stellte erst der Klimatologe William Jackson Humphreys im Jahre 1920 her. Das Bewusstsein für globale Zusammenhänge war gering, die Wissenschaft noch in den Kinderschuhen.  Hungersnöte blieben das ganze 19. Jahrhundert hindurch eine Gefahr: Besonders schlimm traf es die Städte genau 30 Jahre nach dem „Jahr ohne Sommer“,  als es 1846/47 erneut zu Ernteausfällen und in der Folge zu sozialen Unruhen und großer Not kam. Es sollte nicht die letzte Krise für Villingen und Schwenningen bleiben, doch auch diese wurde überstanden. All das Leid und der Schrecken dieser Tage sind lange verklungen, doch zwei ärmliche Brötchen im Museum erinnern an ein Schreckensjahr, das ein Vulkan am anderen Ende der Welt einst über unsere Stadt brachte.